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| 17:06 Uhr

Lyrischer Abend in Branitz
„Die alten Bäume atmen noch“

Der Dichter und die Musikerin: Klaus Trende stellte am Donnerstag im Musikzimmer des Branitzer Schlosses sein neues Buch vor. Marie-Joana hüllte mit Saxofon, Gitarre und Gesang Poesie in Musik.
Der Dichter und die Musikerin: Klaus Trende stellte am Donnerstag im Musikzimmer des Branitzer Schlosses sein neues Buch vor. Marie-Joana hüllte mit Saxofon, Gitarre und Gesang Poesie in Musik. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Klaus Trende sinniert im Pücklerschloss Branitz mit seinem neuen Gedichtband „Sommers Ende“ über Schönheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Daseins. Marie-Joana begleitet die Buchpremiere mit intensiver Seelenmusik. Von Ida Kretzschmar

Dieser Sommer hat kaum begonnen, und doch zeigt er sich Donnerstagabend im Branitzer Park verschwenderisch. Man kann ihn hören, riechen, sehen. Ganz selbstverständlich dringt er durch die weit geöffneten Fenster und Türen des Musikzimmers ins Schloss, während sich drinnen, gehüllt in Seelenmusik, die Poesie von „Sommers Ende“ entfaltet.

Dieser Park hat dem Lyriker Klaus Trende, der seinem 70. Geburtstag entgegensieht, oft Trost und Ermutigung geschenkt. Sein Gedichtband „Passage Branitz“ erzählt davon und von seiner besonderen Beziehung zum genialen Gartenkünstler. Daran erinnert Hausherr Gert Streidt, Direktor der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, berührt davon, wie sich ein zeitgenössischer Künstler vom Geist Pücklers inspirieren lässt.

„Komm mein Fürst, und sprich mir ins Ohr deine Botschaft: Wo ich bin, ist immer Gegenwart“, so verneigt sich Trende dann auch an diesem Abend vor dem Landschaftspoeten. Und er weiß auch: „Die alten Bäume atmen noch.“

Zuvor aber stimmt Bernhard Neisener, Vorsitzender des Vereins Fürst Pückler in Branitz, in eleganter Annäherung ein auf den Dichter, der in seinem neuen Band „Unsere Zeit“ beschreibt: „Bin gezeugt im Gras. Und dahin kehre ich zurück. Dazwischen ein leeres Buch.“

So verdichtet Klaus Trende die Themen seines Schreibens zwischen Liebe und Tod. Anlass des neuen Buches aber ist nach manch bitteren Tagen purer Überlebenswille, um nicht in Melancholie zu versinken: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, das Leben zu bejahen: Die eine ist die Liebe, die andere die Arbeit“, sagt der Lyriker.

Geboren 1948 in Cottbus-Schmellwitz, 1953 Flucht nach Westberlin, wo er zum „chronischen Schulschwänzer“ wird, wie Trende reumütig verriet. Nach dem Mauerbau Rückkehr in die DDR, Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Sozialpädagogik, tätig in verschiedensten Berufen – viele Jahre auch als Kulturpublizist und Kunstkritiker der RUNDSCHAU sowie als Kurator auf Gut Geisendorf. Von all den gelebten Jahren, ungestilltem Lebenshunger und Verdruss, Irrungen und Wirrungen blitzt an diesem Abend etwas auf. „Sommers Ende“ als Sinnbild der Schönheit, Begrenztheit und Zerbrechlichkeit menschlichen Daseins.

„Im Herzkranz eine Fackel“ heißt es in einer Gedichtzeile. Und nach so vielen Sommern hofft der Dichter, für einen Sommer nur die Zeit stillstehen zu lassen, wohl wissend um „den vergeblichen Griff nach der Zeit, der einzigen, die uns erklärt.“

Es ist der Schatz der Erinnerungen, den er bewahren will. An die mit anderen durchlebten, durchliebten und durchlittenen Sommer. Diesen Schatz will er teilen, auch mit jenen, die in andere Zeiten hineingeboren wurden. Und so streut er immer wieder Erläuterungen in seinen Vortrag, so wie sie auch im Buch zu finden sind für jene, die nicht alle Bewegungen dieser Epoche selbst erfahren haben.

„Darüber muss ich sprechen, leise und unaufhaltsam“, gibt er sich zu erkennen. Noch einmal lodern die „Feuerhalme“, fühlt er sich zurückversetzt in die Kindheit, mehr und mehr hingezogen zu den einfachen Dingen des Seins: die langen Abende am Bratapfelherd. Kino ohne Maismüsli. Nächte im Frieden...

Je älter er werde, umso mehr suche er sich aus dem Labyrinth diser unüberschaubaren Welt zu befreien, die Vielfalt und Komplexität des Lebens auf eine einfache Formel zu bringen: „Was zählt, ist kostbar und kostet nichts“, sagt er, um mit seiner Poesie Widerstand zu provozieren: „Gebt euch den Emotionen hin. Fragt nicht, was erwartet wird. Werdet die, die ihr selber seid.“

Offenherzig offenbart Trende seine Leidenschaften. Warmherzige und kluge Frauen, mutige Männer, Poeten, Maler und Musiker sind seine Weggefährten.  Einer seiner Lieblingssongs erklingt hier: „The Last Rose of Summer“ von dem irischen Poeten Thomas Moore.

Und so erleben nicht nur die Zuschauer ihre ganz persönliche Annäherung an Trendes stille, farbintensive, bezwingende Poesie, gespiegelt durch die eigenen Lebensläufe. Auch die aus dem Spreewald stammende Musikerin Marie-Joana, halb so alt wie der Dichter, macht sich ihren eigenen Reim auf diese Gedichtzeilen. Mit Saxofon, Gitarre und einem überraschenden Soul in der Stimme korrespendieren ihre Songs gleichsam mit den Texten. Etwa wenn sie „Such a wonderful life“ besingt oder „Blackbird“ von den Beatles.

An diesem Abend verbinden sich Poesie, Musik und Malerei in künstlerischer Verschiedenheit und Übereinstimmung. Denn zu den schlichten und verwegenen Wortbildern halten auch die Bilder von Rudolf Sittner in dem kostbaren Gedichtband Zwiesprache. Dem Cottbuser Künstler dankt Klaus Trende ganz besonders für mehr als 30 Jahre gemeinsamer kreativer Zusammenarbeit. Und dann präsentiert er mit dem Fördervereinsvorsitzenden Bernhard Neisener noch eine Überraschung für die Pückler-Stiftung. Als Dank für die Gastfreundschaft wechseln Fotos der renommierten Fotografin Barbara Klemm den Besitzer. Sie gehören kulturhistorisch zu ihrem berühmten Foto von der Branitzer Wasserpyramide, das in der Ausstellung im Marstall zu sehen ist.

Mit wehmütigen Saxofonklängen von Santanas Samba Pa Ti werden die Zuhörer, darunter Trendes Töchter und viele Freunde, in die laue Sommernacht entlassen. „Sommers Ende“ atmet die leise Melancholie des Vergehens.

Und doch schwingt in so vielen Gedichtsfasern Hoffnung mit: „Der Sommer ist versunken, auch wenn er oft noch schmerzt. Wir haben ihn getrunken, doch es bleibt uns der Herbst.“


Klaus Trende, „Sommers Ende“ – Gedichte. Edition WortGut, limitierte Sonderausgabe mit Handschriften, reich illustriert von Rudolf Sittner, 96 Seiten, 20 Euro.
edition.wortgut@web.de