Giovanni Gabrieli, dessen Sonata pian e forte den Abend einleitete, war ab 1584 Organist im Markusdom zu Venedig. Dieser Ort bestimmte sehr wesentlich den Charakter seines Werkes.
Den riesigen Raum zu füllen, schuf er klangstarke und volltönende Musik. Die im Markusdom befindlichen gegenüberliegenden Orgelemporen eigneten sich überdies ausgezeichnet, Instrumentalisten und Sänger in getrennten Gruppen musizieren zu lassen.
Auch die Sonata pian e forte ist ein zweichöriges Werk, tiefe und hohe Blechbläser stehen einander gegenüber und musizieren im Wechsel. In der Cottbuser Kirche nutzten beide Chöre die obere Orgelempore. Weiter voneinander entfernt, wäre der besondere Effekt des Wechselspiels beider Gruppen und des vom Komponisten ganz besonders betonten Unterschiedes von lautem und leisem Spiel sicher noch stärker zur Geltung gekommen. So verschmolz der Blechbläserklang eher zu einer feierlichen Gesamtheit.
Auf einen besonders homogen amalgamierten Mischklang geradezu angelegt ist Ralph Vaughan Williams Suite für Singstimmen, Viola und Orchester "Flos Campi". Mit der Auswahl des moderaten Soloinstruments, mit dem Einsatz des Chores ausschließlich für weich schwingende Vokalisen und Summtöne und der Wahl langsamer Tempi in allen fünf Sätzen ist der Charakter des Werkes bestimmt.

"Blumen des Feldes"
Man kann den "Blumen des Feldes" als einem unwirklich schönen Melodiestrom hingebungsvoll lauschen, seinen Gedanken ihren frei strömenden Lauf lassen. Vaughan Williams hat seinen durch Bratschensoli miteinander verbundenen Sätzen jeweils Textpassagen aus dem Hohelied Salomo zugeordnet. Es sind reine Lesetexte, die nicht gesungen werden und nur einen losen, assoziativen Zusammenhang haben.
Sebastian Marschik, Solobratscher des Philharmonischen Orchesters, spielte die Violapartie mit dunkel timbriertem Klang, weich und voluminös in der Tongebung.
Virtuoses Brillieren ist in diesem Werk nicht gefragt, dafür eine allein durch Klangschönheit erreichbare, diskret elegante Dominanz. Diese schwierige Aufgabe hat Sebastian Marschik wirkungsvoll und wunderschön gelöst. Auch der Chor schmiegte sich homogen in den fließenden Klang. Judith Kubitz' frühe Erfahrung im Chordirigieren kam diesem Werk besonders zugute. Weiche, mit der schwingenden linken Hand gegebene Einsätze modellierten den Chorklang.
Genau dieses weiche, elegant schwingende Dirigieren erwies sich - erstaunlicherweise - speziell im Kirchenraum auch für das gewaltige Werk des zweiten Konzertteils als richtig, für die 3. Sinfonie von Anton Bruckner.
Judith Kubitz wählte maßvolle Tempi, vor allem aber gliederte sie das Werk durch ausgiebige Zäsuren. So konnte sich jede musikalische Passage einzeln im Raum entfalten und ausreichend nachschwingen. Ein Interpretationsproblem ergibt sich durch dieses Herangehen nicht.

Komplizierte Rhythmik
Bruckner komponierte in voneinander abgesetzten Blöcken, die sich, jeder für sich, bis zum großen Gipfel im überfeierlichen Blechbläserchoral-Charakter spiralförmig steigern. Auch mit anflutenden, immer höheren Wellen wird seine Kompositionsmanier verglichen. Wie weit man diese Teile voneinander absetzt, bleibt unwesentlich. Wichtig ist das genaue Maß der Binnensteigerung, der immer wieder weit aufgespannte Klangbogen. Ihn zu gestalten gelang Judith Kubitz fast jedes Mal; im Detail hätte man sich manches klanglich raffinierter gearbeitet vorstellen können. Wie es schien, war man erst einmal glücklich, die extrem komplizierte, synkopisch verschobene Rhythmik souverän zu meistern.

Gewaltiges Finale
Die fast naturmythische Melodie des langsamen 2. Satzes durfte vor jedem Anlauf zu einer neuen Steigerung besonders weit und atmend ausschwingen.
Klang- und Interpretationsraffinesse war vor allem im vordergründig naiven Scherzo zu hören. Man meinte in diesem alpenländischen Bauerntanz fast schon die weltschmerzliche Abgeschiedenheit Gustav Mahlers vorauszuahnen. Auch Mahler benutzte dazu gern scheinbar einfache Melodien. Der im gesamten Werk mehr oder weniger doppelbödig gebrochene Sound, changierend zwischen drastischer Direktheit und verklärter Ferne, war besonders in diesem Satz ungemein reizvoll.
Nach dem gewaltigen Finale konnten Orchester und Dirigentin ausgiebigen Beifall entgegennehmen.