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Klangschönes Horn als große Fußnote

Hornist Felix Klieser spielte brillant auf. Barfuß und im Sitzen.
Hornist Felix Klieser spielte brillant auf. Barfuß und im Sitzen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Solist Felix Klieser spielt beim 6. Philharmonischen Konzert am Cottbuser Staatstheater extrem facettenreich und ausdrucksstark. Ein Hornist, der mit Füßen musiziert, wo andere ihre Hände nutzen. Ein außergewöhnlicher Abend. Rüdiger Hofmann

Bereits mit vier Jahren erklärt Felix Klieser, der ohne Arme geboren wurde, seiner Mutter kategorisch: "Ich will Horn spielen." Wie er auf diese Idee kam, weiß er bis heute nicht, keiner in seiner Familie war besonders musikalisch. Klieser lernte, die Ventile mit den Zehen des linken Fußes zu bedienen. Sein linkes Bein beschreibt dabei auch am Wochenende beim 6. Philharmonischen Konzert im Cottbuser Staatstheater einen nahezu rechten Winkel, seine Zehen greifen die Ventile auf Schulterhöhe. Was für andere eine körperliche Höchstleistung wäre, scheint für den 26-Jährigen gewohnte Gelenkigkeit, wenn er barfüßig auf dem Stuhl Platz nimmt. Die Augen fast geschlossen, die Lippen am Mundstück. Der Rest ist Eintauchen in eine Klangwelt, weich und rund, harmonisch und fließend.

Klieser präsentiert Richard Strauss, Konzert für Horn und Orchester Nr. 1 in Es-Dur. Das Werk komponierte der damals erst 18-jährige Strauss 1882/83 und widmete dessen Klavierfassung seinem Vater zum 60. Geburtstag. Das Konzert steht noch in der klassisch-romantischen Tradition Mendelssohns und Webers, lässt aber bereits einige typische Merkmale der späteren Handschrift von Strauss erkennen: etwa den Sinn für weit gespannte Melodiebögen, eine aparte Klanglichkeit und einen überlegenen und fantasievollen Umgang mit der Form. Die drei Sätze gehen nahtlos ineinander über. Grundgedanke des kompakten Werkes ist ein aufsteigendes Dreiklangsmotiv, das vom Philharmonischen Orchester dynamisch transportiert wird.

Klieser spielt seine Parts glänzend, nahezu beseelt, und er bringt die schwärmerische Romantik des Augenblicks formvollendet zu Gehör. Der junge Musiker hat schon mit Größen der Branche zusammengearbeitet, etwa unter Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie. Auch in Cottbus wird das vermeintlich Ungewöhnliche seiner Auftritte schnell selbstverständlich: Entscheidend ist, wie er spielt - und nicht, mit welchen Gliedmaßen. Als Zugabe bietet Klieser den dritten Satz aus dem 2. Hornkonzert von Mozart. Wieder genial, wieder mit einem breiten Klangspektrum, wieder mit schwärmerischem Ernst und intimen Momenten. Stehende Ovationen.

Apropos Mozart: Die Künstler früherer Epochen verstanden es, ihre Genialität auch unter schwierigen Bedingungen unter Beweis zu stellen. Nicht immer aber wird der Zeitdruck derart groß gewesen sein wie im Falle Mozarts, als er 1783 auf der Rückreise von Salzburg nach Wien Gast des Grafen Johann Joseph Anton Thun in Linz gewesen ist und aufgefordert wurde, ein Konzert zu geben. Ganze vier Tage hatte er dazu Zeit. Trotzdem ist seine C-Dur-Sinfonie, die später den Beinamen "Linzer" erhalten sollte, ein kleines Meisterwerk geworden.

Mozart hat sich im Entstehungsjahr dieser Sinfonie intensiv mit dem Schaffen Joseph Haydns befasst. Er begann die Arbeit an jenen sechs Streichquartetten, die er später Haydn widmen sollte, und auch die "Linzer"-Sinfonie verrät den Einfluss seines älteren Kollegen: Es ist das erste Mal, dass Mozart eine Sinfonie mit einer langsamen Einleitung eröffnet, was bei Haydn fast schon die Regel war. Der Anfang im Staatstheater gerät pathetisch, heroisch, bevor sich die Streicher in Halbtonschritten aufwärtsstrebend zum Hauptsatz seufzen. Ungewöhnlich ist ferner, dass Mozart entgegen damaliger Gepflogenheiten Pauken und Trompeten im zweiten, ruhigen Andante-Satz nicht pausieren lässt, sondern ihnen selbst dort noch die Aufgabe stellt, den festlichen Charakter der Sinfonie zu unterstreichen. Im dritten Satz ein rustikales Menuett. Dirigent Sebastian Tewinkel arbeitet mit seinem Orchesterapparat ein klanglich gut aufeinander abgestimmtes, ländliches Trio mit Oboe und den Dialog zwischen Oboe und Fagott fein heraus. Der Finalsatz ist ein wahrer Temporausch, "presto" überschrieben, spritzig und mit wellenartigen Passagen der Bläser.

Die Es-Dur-Symphonie von Mozart gibt es dann nach dem Pausenwein. Vor allem die Streicher brillieren mit ihrer erstaunlichen Strahlkraft und ihrem Temperament, berühren aber auch den Bereich des Düsteren und Dämonischen. Ein großer Klangteppich wird ausgerollt. Im Wechsel von forte und piano, Spannung und Lösung, strahlendem Akkord und schattenhaftem Nachklang, von markanten Schwerpunkten, schwebenden Skalenfigurationen und ausgesungener melodischer Linie wird der Hörer in eine eigene Welt gezogen. Stark agieren die Holzbläser im zweiten Satz, bevor das Menuetto stampfend und wie ein Ländler vorgetragen wird. Die Flöte bringt echoartige Wiederholungen der Klarinettenstimme. Stürmisch bewegt sich das Orchester schließlich im Finalsatz.

Das Ende der Sinfonie steht exakt im Kontrast zu ihrem majestätischen Beginn mit der langsamen Einleitung. Die Zuhörer bleiben sehr angetan zurück.