Wer die Kirche von Uhyst an diesem Wochenende betritt, wird zur Hummel. Verwandelt sich in einen plätschernden Bergbach, einen Storch, eine Nachtigall oder einen Frosch. Und weiß es zunächst gar nicht. "Himmel - Auge" heißt die interaktive Klanginstallation von Klaus Nicolai, dem künstlerischen Leiter der transNaturale. Eine Videokamera erfasst jeden neuen Besucher und teilt ihm via Computer ein Natur-Geräusch zu, das an- und abschwillt, je nachdem, wie stark sich der unfreiwillige Klang-Körper bewegt. So fällt auf einmal die anerzogene Andächtigkeit ab. Das Publikum eilt durchs Kirchenschiff, wedelt mit den Armen, dreht sogar ein paar Pirouetten und bildet, immer neue Geräusch-Träger erwartend, für kurze Zeit eine willige Kunstgemeinschaft, die Gott, Natur und Mensch in Einklang bringt.
So einfach geht das. Scheinbar. Aber dort, wo 13 Künstler auf einem Parcours um den Bärwalder See ihre Arbeiten an Ufern und Waldrändern aufgebaut haben, lauert auch Abgründiges. Vor der gewaltigen Kulisse des Kraftwerks Boxberg, die, quasi als riesiges Gesamtkunstwerk, in die Botschaft fast jeder Installation hineinragt, hat Rainer Müller eine Siedlung aus fellbehangenen Zelten errichtet. "Das Volk" lockt mit schön-traurigen Cello-Klängen in diese verlassene, urzeitlich anmutende Wohnstatt. Goldfarben eingesprüht schimmern die Kuhfelle von außen. Aber wer sich hineinwagt ins Zelt, den überfällt ein unangenehmer Geruch von Verwesung, der im Widerspruch zur süßen Musik steht. Einige Schrecksekunden später die Erkenntnis: Die Tierfelle sind nicht säuberlich gegerbt, sondern oberflächlich ausgeschält. Das ist eine Wahrheit über Natur und ihre Vergänglichkeit, die wir so genau vielleicht gar nicht wissen wollten.
Schockierend? „Ja, ziemlich krass“ , sagt Antje Jannasch (31), die aus ihrer neuen Heimat München in ihre alte, die Lausitz, gekommen ist. „Es lässt sich aber eine Absicht erkennen, ein Bezug zu den Dörfern, die wegen des Bergbaus verschwunden sind.“

Stolpersteine
Andere Kunstwerke verweisen ebenso direkt auf devastierte Orte. Stefan Schröder beispielsweise legt den Besuchern mit seinem um den ganzen See verteilten Projekt "Handlungsspielraum" Stolpersteine aus Beton in den Weg, die je einen Schlüsselbegriff tragen und, Wort für Wort gesammelt, ein Protokoll der Erinnerung ergeben - entdecken, vergessen, auffüllen, umsiedeln, abreisen, ausgraben, verbrennen.
Tausende Radler und Fußgänger sind trotz gelegentlicher Regenschauer am Samstag und Sonntag auf Spurensuche am See. So auch im Schloss von Uhyst, das mit Installationen und Performance-Kunst einlädt. Zuschauer werden zu Voyeuren, wenn sie durch heimliche Gucklöcher das Treiben in einem barocken Park beobachten oder beim "Dienstmädchenreport" von Kerstin Köhler mit der Klingel nach dem willigen Hausmädchen schellen.
Klang, Tanz und Licht sind auch die Komponenten der beiden größten Veranstaltungen dieser transNaturale. Schon am Freitagabend hatten sich Tausende zu den See-Lichtspielen am Uhyster Strand aufgemacht, mit denen das Festival eröffnet wurde. Zur elektronischen Musik von Heribert Dorsch, verwandelt sich ein alter Kühlturm des Kraftwerks in einen Leuchtturm, der mit grünem Scheinwerfer die Landschaft abtastet. Andere Laser zeichnen die Silhouette des Ufers nach, lassen Lichtpunkte auf dem See tanzen.
Der Samstagabend schließlich rückt das alte Boxberger Kraftwerk in den Mittelpunkt der transNaturale. In der alten Turbinenhalle des jetzt stillgelegten Werkes 1 wird das "Projekt Boxberg-Zeit-Schichten" aufgeführt. Eine nicht leicht aufzunehmende Performance: Während im Hintergrund ehemalige Kraftwerker im Interview über ihre Arbeit und die Abwicklung ihres Werkes sprechen, setzen zwischen illuminierten Schaltschränken und Maschinenteilen Tänzer das Gesprochene in Bewegung um.