Als ich, weil mir gerade kein besseres Wort einfällt, "Heimatmuseum" sage, ist dies Anne-Christine Equitz gar nicht recht. "Wir sind ein Stadt-und Regionalmuseum", verbessert die Historikerin mich sofort - und völlig zu Recht. Mit dem staubigen Muff einer Heimatstube ist das Niederlausitz-Museum in Luckau (Kreis Dahme-Spreewald) überhaupt nicht zu vergleichen. Regionale Geschichte wird hier in einer tageslichtdurchfluteten und klar gegliederten Ausstellung hochprofessionell präsentiert. Der Besucher kriegt sofort Lust, sich die gezeigten Objekte - zum Beispiel Uniformen, Landwirtschaftsgeräte, Medaillen, Wappen, Kunstwerke - näher zu besehen. Sogar lebensgroße Landschafts-Schaukästen mit naturgetreuen Bäumen, Büschen, Gräsern, Pilzen und ausgestopften Tieren gibt es. Toll!

Die ansprechende Ausstellungsweise ist nicht die einzige Besonderheit des Niederlausitz-Museums. Auch das Gebäude selbst ist eine Augenweide und historisch hochinteressant. Wir stehen nämlich in einer 1291 als Dominikanerkloster gegründeten Kirche. Von 1747 bis 2005 diente das Klostergelände als Gefängnis und Armenhaus. Nicht nur in dem später errichteten Hafthaus, sondern auch in der Kirche selbst saßen die Häftlinge ein. Im Erdgeschoss erinnern original rekonstruierte historische Zellen mit kargem Mobiliar und schweren Türen an das Schicksal der Häftlinge. Im 20. Jahrhundert wurden viele von ihnen aus politischen Gründen hier eingesperrt. Zum Beispiel der sozialistische Revolutionär und KPD-Gründer Karl Liebknecht (1871-1919). Seit dem Umzug der heutigen Strafgefangenen in die neue JVA Luckau-Duben wurde das gotische Bauwerk aufwendig zur "Kulturkirche" umgebaut. Die Apsis mit ihren drei Stockwerke hohen Rundbogenfenstern ist seither ein wunderbarer Mehrzweck-Veranstaltungssaal. Das Hafthaus dient als Cartoonmuseum und Kreisarchiv.

Dora Grünke zeigt mir noch weitere Luckauer Kulturorte. Die 1941 geborene ehemalige Landvermesserin führt seit der Landesgartenschau im Jahr 2000 Gäste kenntnisreich durch ihre Heimatstadt.

Ein Ort, in den ich mich sofort verliebe, ist die evangelische Nikolaikirche. Die gotische Backsteinkirche macht von innen einen etwas bizarren, ja, optisch schizophrenen Eindruck. Die weißgetünchten Wände und das hohe Deckengewölbe wirken kahl, was daran liegt, dass die Kirche mit ihrer mittelalterlichen Ausstattung beim großen Stadtbrand 1644 ausgebrannt ist. Danach wurden üppig verschnörkelte Dekorationen im Barockstil eingebaut, etwa die Kanzel und der hohe Altaraufsatz, die mit der restlichen Kahlheit faszinierend kontrastieren. Bemerkenswert ist die reich verzierte Holzempore. Sie ist mit Glasfenstern verschlossen - so etwas habe ich in einer Kirche noch nie gesehen. Hier saßen früher die reichen Luckauer Kaufleute, damit sie beim Beten und Sichbepredigenlassen im Winter nicht so frieren. Eine VIP-Lounge also. Eine prächtige Orgel aus dem 17. Jahrhundert gibt es auch (vom Leipziger Orgelbauer Christoph Donat). Sie ist nicht nur bei Gottesdiensten zu hören, sondern auch bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten und bei der Orgelmusikreihe Mixtur im Bass, wenn hier internationale Musikvirtuosen auftreten. Luckaus Kulturkirche Nummer zwei könnte man das Gotteshaus nennen.

Viele reiche Kaufleute gibt es unter den knapp 10 000 Einwohnern von Luckau und ihren Eingemeindungen nicht mehr. Das war einmal: Die Lage an der Messestraße zwischen Leipzig und Frankfurt an der Oder lenkte seit dem Mittelalter die Warenströme in die Stadt, erklärt Dora Grünke. Geblieben sind von den Kaufleuten ihre schönen Barockhäuser mit Schneckengiebeln und Stuck wie Tortenzuckerguss.

Weil am Ende des Zweiten Weltkrieges vernünftigerweise jemand die Weiße Fahne hisste, besitzt Luckau anders als viele Niederlausitzer Städte einen geschlossenen historischen Ortskern, sogar mit mittelalterlicher Stadtmauer und fast ohne Leerstand. Irreführend ist allerdings die Bezeichnung Luckauer Schloss- und Weinberg. Dort steht schon lange weder ein Schloss noch ein Weingut, sondern eine nette Jugendstilgaststätte, und der Berg ist bloß ein Hügel. Interessante Kultur gibt es hier auch, zum Beispiel Kunstausstellungen wie die Spektrale. Weil Dora Grünke und die Luckauer stolz darauf sind, möchte ich außerdem noch erwähnen, dass der französische Eroberer Napoleon sich im Sommer 1813 zwei Tage in Luckau aufgehalten hat. Merkwürdigerweise war es so kalt, dass er eine Wärmflasche brauchte. Sie liegt heute noch im Niederlausitz-Museum in der Kulturkirche.