Wer Ruinen romantisch findet, wird an Forst seine Freude haben. Rund um den Mühlgraben besteht fast das ganze Stadtviertel aus verwitternden Fabriken und Fabrikantenvillen. Vielleicht sollte man es für den Autoverkehr sperren und einen einzigartigen Erlebnispark der Ruhe und Besinnung daraus machen. Wucherndes Grün von Bäumen, Sträuchern und Efeu umhüllt patinierte Klinker, schnörkelige Eisenzäune, zerbrochene Panoramafenster und ehrwürdige Erker. Ein Anblick zum melancholischen Hineinträumen in vergangene Zeiten.

"Ist das nicht wunderbar?" ruft Annette Schild immer wieder und zeigt auf architektonische Details, während wir mit ihrem Auto durch das Fabrikenviertel kurven.

Die 53 Jahre alte Forsterin kennt es allerdings aus DDR-Zeiten, als in der Tuchindustrie ihrer Heimatstadt Hochbetrieb herrschte. Deshalb freut es sie noch mehr, wenn in die alten Gemäuer wieder Leben eingekehrt. Zum Beispiel, als das ehemalige Warmbad einen modernen Anbau erhielt und als Kompetenzzentrum für virtuelle Zukunftstechnologie an der Expo 2000 teilnahm. Gerade stellte dort der Cottbuser Künstler Steffen Mertens Bilder und Objekte aus.

Bei Kultur in Forst werden die meisten als Erstes an den berühmten Ostdeutschen Rosengarten mit seinen rund 40 000 Rosenstöcken denken.

Kino im einstigen Grandhotel

Annette Schild zeigt mir heute, dass die Stadt noch einiges mehr zu bieten hat. In ihrer Dreifachrolle als städtische Sachbearbeiterin für Stadtmarketing, als führendes Mitglied in örtlichen Tourismusvereinen und als überzeugte Lokalpatriotin macht sie das mit ansteckender Begeisterung. Einer ihrer Lieblingsorte isdas Gasthaus Forster Hof, das im 19. Jahrhundert mit pompöser Stuckfassade als "Grandhotel" erbaut wurde. Andrea Stender-Helbeck, die Tochter der Inhaberin, führt uns in den Theater- und Kinosaal.

Annette Schild zeigt auf die mit weinrotem Samt verhangene Bühne. "Hier habe ich meine Jugendweihe gefeiert. Den Tag werde ich nie vergessen." Auf der Empore kommen bei ihr weitere Teenager-Erinnerungen hoch. "Hier war die versteckte Kuschelecke." In einem noch unrenovierten Nebenzimmer entdecken wir eine Wandtafel mit vergilbt-jugendfrischen Autogrammfotos von DDR-Schlagersängern, die im Forster Hof aufgetreten sind. "Bärbel Wachholz - die hätte ich kaum wiedererkannt. Beppo Küster - ist ja irre", ruft Annette Schild in ihrer temperamentvollen Art.

Heutzutage werden im Saal unter anderem Tanztees, Schülerdiskos, Kinonächte, Konzertgalas und sogar Bälle gefeiert.

Ein ganz wichtiger Schauplatz der Forster Kulturgeschichte ist natürlich das Brandenburgische Textilmuseum in einer der alten Fabriken.

Dort hängt noch der vertraute Geruch von warmem Öl und Garn in der Luft, mit dem Annette Schild heimelige Kindheit assoziiert. An originalen Webstühlen und Spinnrädern lässt sich Forsts wirtschaftliche Glanzzeit als "deutsches Manchester" im 19. Jahrhundert anschaulich nachvollziehen.

Das Textilmuseum kenne ich allerdings schon gut. Wir werfen stattdessen einen Blick in die ursprünglich gotische Nikolaikirche, finden dort - in einer versteckten Nische neben dem Altar überraschend unscheinbar präsentiert - den Zinnsarg mit den sterblichen Überresten des Grafen Heinrich von Brühl (1700-1763), seinerzeit sächsischer Premierminister, Forster Standesherr, geschickter Gegenspieler des Preußenkönigs Friedrich II., glanzvoller Liebhaber von Baukunst und Porzellan.

Wir stoppen auch an der urigen Traditionsgaststätte "Worrich´s Brauhaus zum Franz", passieren die 30er-Jahre-moderne Architektur der Wohnsiedlung "Eigene Scholle" und fahren schließlich raus aus der Stadt Richtung Cottbus auf das Naturschutzgebiet der Euloer Teiche zu. In einem Wäldchen versteckt sich dort das Restaurant "Zum Kuckuck", das in der Kabarettszene einen guten Namen hat.

Melancholische Ruine

Um Forst zu verstehen, ist außerdem ein Blick auf die Neiße erforderlich. "Willkommen in Polen", hatte mein Handy mir schon bei der Ankunft am Bahnhof mitgeteilt, wenige Kilometer zu früh. Wir stehen jetzt wieder an einer romantisch-melancholischen Ruine, den Überresten der Langen Brücke. Die Neiße ist derzeit sehr schmal, von Forster Seite aus kaum auszumachen.

Drüben, am polnischen Ufer, lag bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der zentrale Forster Stadtteil Berge.

Jetzt führt die zerborstene Brücke ins Nirgendwo, da sind bloß Bäume zu sehen.

Berge wurde wie insgesamt 85 Prozent der Stadt in den letzten Kriegstagen zerstört.

Forst, zu Kriegsbeginn noch rund 45 000 Einwohner stark (heute sind es 20 000) ist anders als viele Lausitzer Orte nicht erst im Zuge der deutschen Wiedervereinigung stark geschrumpft. Annette Schild nennt Forst "ein Kleinod". Von Kennern wird es übrigens liebevoll "Forscht" ausgesprochen.