Das alt-provencalische "de lonh" heißt "aus der Ferne" und von dort kam mit einem Windstoß ein kleiner Melodiefetzen zu Annette Schlünz geweht. Der Lufthauch von einigen Blasinstrumenten, ein Regenrohr und vor allem eine Windmaschine wie man sie in Gewitterszenen barocker Opern verwendet, wehten eine kleine Harfenmelodie herbei. Es stammt aus einem Troubadour-Lied aus der Provence, wo die Komponistin einige Jahre in der gelebt hat.

Nach kaum fünf Minuten geistreich verarbeiteter Musik weht es wieder fort, verabschiedet von einem sehnsuchtsvollen Hornruf.

Nach dieser poetischen Petitesse wurde es feierlich mit der Adagio-Einleitung zur 12. und letzten von Joseph Haydns Londoner Sinfonien.

Mit hochgespanntem Pathos und mit der Klangfülle einer Beethovensinfonie beginnt das Werk. Von der Signalwirkung punktierter Rhythmen, großer Intervalle und der vollen Besetzung wechselt Haydn zu kaum bewegten, elegischen Streichermotiven und schafft damit sofort einen spannenden Kontrast. Ist mit diesem Geniestreich erst einmal Aufmerksamkeit erreicht, brennt der Komponist sein Feuerwerk an melodischen Einfällen, motivischer Verarbeitungskunst, klanglichen Ideen ab. Wenn im langsamen Satz sanft hinweggedämmert ist, lässt er Pauken und Trompeten los, schwingt man sich im dritten Satz in sein Menuett ein, "vertut" sich Haydn im Taktmaß, er überrascht mit Trompetentrillern und Hundert anderen Ideen.

Dynamisches Klangbild

Evan Christ lässt die Streicher stilgerecht ohne Vibrato musizieren, hebt die Gruppen des Orchesters sehr genau voneinander ab, wechselt Soli und Tutti und schafft so ein farbenreiches und dynamisch lebhaftes Klangbild. Der erste Satz gerät trotzdem etwas metronomisch starr und hölzern; erst in den quasi anekdotischen Folgesätzen werden die einzelnen Phrasen biegsamer, beginnen musikalisch zu sprechen, entwickeln Charme und eine schöne Lebendigkeit. Im zweiten Satz bevorzugte Christ trotz der Vortragsbezeichnung "Andante", "gehend" eine hüpfenden Fortbewegung, das komisch verstolperte Menuett hatte absolut nichts Höfisches, im dritten gar ertönten liedhafte Variationen wie von der volkstümlichen Radleier gespielt. Das Cottbuser Publikum hatte nicht weniger Vergnügen daran als die Londoner High Society anno 1795.

Das gewaltige Hauptstück des Programms mit einer Spieldauer von 60 Minuten war die unvollendete 9. Sinfonie von Anton Bruckner. Alle Sinfonien Bruckners erscheinen wie aus gewaltigen musikalischen Bauklötzen errichtet. Der Komponist schichtet einen neben den anderen und baut daraus riesige, sich kreisend steigernde Klangtürme. Nach jeder derartigen Steigerung erfolgt ein plötzlicher Abriss des musikalischen Flusses und der nächste Aufbau beginnt. Diesem Prinzip folgend türmen sich immer neue Anläufe immer höher bis ungeheuere Durchbrüche gewaltigen hymnischen Passagen freilegen.

Evan Christ gestaltete die einzelnen Binnensteigerungen immer wieder so, dass beim nächsten Anlauf noch mehr ging und schließlich in jedem Satz ein grandioser übergreifender Spannungsbogen gelang. Seine genaue Disposition schloss Flächen und Abschnitte unambitionierter mittlerer Lautstärke durchaus ein, denn liebliche, eingängig dahinfließende Melodien gibt es in Bruckners 9. Sinfonie auch. Diese Stellen markieren jedoch immer die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Die Zuhörer taten gut daran, die Nerven für den nächsten Ansturm unerhörter Klang-Rausch-Zustände bereit zu machen. Eine Unisono-Passage von acht Hörnern beispielsweise fährt zu Beginn des ersten Satzes direkt in den Bauch, im zweiten sind es motorenhaft dröhnende Paukenschläge, im dritten die untergründige Verwandtschaft mit Wagners Ouvertüre zu "Tristan und Isolde".

Déjà-vu-Phänomen

Wer den Lars-von-Trier-Film "Melancholia" gesehen hat, erlebte ein atemverschlagendes Déjà-vu-Phänomen. Evan Christ schonte weder sich noch das Orchester noch das Publikum, sondern entwickelte gerade an solchen radikalen Stellen extreme, kaum aushaltbare Spannungsfelder.

Am Ende war das Publikum für einen Moment sogar zu erschöpft, zu applaudieren. Erst nach und nach setzte langer, langer Beifall ein