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| 10:20 Uhr

Münster
Katholikentag stellt sich der Politik

Münster. Der Katholikentag ist endlich in Münster angekommen und gibt sich nett provisorisch: Die Hinweisschilder zu Dom- und Schlossplatz sind handgeschrieben (leserlich) und an die Laternenpfähle gedrahtet. Wer nun die Stadt betritt, glaubt zunächst, mitten in irgendeinen Wahlkampf geraten zu sein. Denn der Protesteifer gegen die Teilnahme der AfD - ein Sprecher tritt auf einem Podium am Samstag auf - ist enorm. Mit großen Plakaten wird dagegen Stimmung gemacht, Slogans werden aufs Straßenpflaster gesprüht: "Keine Bühne der AfD" ist so zu unseren Füßen zu lesen. Lothar Schröder

Der Katholikentag ist endlich in Münster angekommen und gibt sich nett provisorisch: Die Hinweisschilder zu Dom- und Schlossplatz sind handgeschrieben (leserlich) und an die Laternenpfähle gedrahtet. Wer nun die Stadt betritt, glaubt zunächst, mitten in irgendeinen Wahlkampf geraten zu sein. Denn der Protesteifer gegen die Teilnahme der AfD - ein Sprecher tritt auf einem Podium am Samstag auf - ist enorm. Mit großen Plakaten wird dagegen Stimmung gemacht, Slogans werden aufs Straßenpflaster gesprüht: "Keine Bühne der AfD" ist so zu unseren Füßen zu lesen.

Was tun? Sich noch vernehmlicher zu christlichen Werten bekennen. Und daran mangelt es in Münster nicht. Der gastgebende Bischof Felix Genn tat das gestern unmissverständlich. "Wer die Juden beschimpft, der beschimpft auch uns", sagte er und zeigte sich fassungslos über das Treiben von Rechtspopulisten. Aber er gab auch zu bedenken, dass diese doch in den Gemeinden seien. "Wir müssen mit denen doch reden, wir müssen ihnen doch zuhören." Wie weit dabei aber seine Anteilnahme gehe, könne er nicht sagen.

Genn ließ auch mit einem Friedensbekenntnis aufhorchen. Noch gut könne er sich daran erinnern, wie die Menschen in Deutschland gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen seien. Wo aber protestierten die Menschen heute gegen den Krieg in Syrien? "Wann, wenn nicht heute, bräuchte es eine erneuerte, starke und nachhaltige Friedensbewegung in unserem Land? Wer, wenn nicht Christinnen und Christen sollten an der Spitze einer solchen Friedensbewegung stehen?" Dies müsse unbedingt den politisch Verantwortlichen signalisiert werden, die ja in größerer Zahl auch in Münster erscheinen werden - mit Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Spitze.

In der evangelischen Erlöserkirche hat sich die Kirchenvolksbewegung einquartiert. Dieses Bild vom vermeintlichen Kirchenexil trügt ein bisschen, denn "Wir sind Kirche" sind längst nicht mehr die beargwöhnten Glaubens-Revoluzzer. Mit vier Veranstaltungen sind sie diesmal im offiziellen Programm vertreten. Versöhnt mit der Amtskirche sind sie nicht, wohl aber mit dem Papst. Man könne nicht hoch genug schätzen, was der Papst leiste, so Sprecher Christian Weisner: "Franziskus versucht, die synodale Kirche wieder zu ermöglichen."

Münster will froh, aber nicht fröhlich sein, ein Glaubensfest, keine Nabelschau und erst recht keine selbstzufriedene Familienfeier. Und das gelegentlich bekrittelte "Format Katholikentag" lebt wieder: mit 50.000 Dauergästen und 20.000 Tagesbesuchern gibt es so viele Teilnehmer wie schon viele Jahre nicht mehr. Jede Menge Zuversicht ist in Münster zu spüren. Das hat sicherlich auch mit dem Friedenswunsch der Menschen zu tun, mit ihrer Sorge vor neuem Antisemitismus und Fremdenhass. Offenbar sind das Kirchenthemen, die die Menschen viel stärker bewegen als theologische Feinarbeiten über die Eucharistie für konfessionsverschiedene Paare.

Es war denn auch der evangelische Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der bei der Öffnungsfeier am Abend mehreren tausend Menschen auf dem Domplatz auf den Weg in den Katholikentag Wichtiges zu denken gab. "Was sonntags in den Gottesdiensten fehlt, das kann das Kreuz in den Behördeneingängen nicht füllen", sagte er mit Blick auf die bayerische Kreuzdebatte. Außerdem habe der Staat nicht das Recht, die Religion in ihren Dienst zu nehmen. Steinmeier erinnerte auch daran, dass bei uns kein Jude Angst haben dürfe, die Kippa zu tragen; und dass es unsere Verantwortung sei, dafür zu sorgen. Kreuz, Kippa und Kopftuch müsse man in der Öffentlichkeit tragen dürfen - "ohne Angst, aber auch ohne Machtanspruch".