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Katagraphiert der Neue die neue Spielzeit?

Gabi Grube (l.) und Michael Apel (r.) beim Theatertreff mit dem neuen Schauspieldirektor Jo Fabian.
Gabi Grube (l.) und Michael Apel (r.) beim Theatertreff mit dem neuen Schauspieldirektor Jo Fabian. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Beim letzten Theatertreff der alten Spielzeit gab es Montagabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus erste Einblicke in die neue Spielzeit. Der designierte Schauspieldirektor Jo Fabian stellte sich vor. Ida Kretzschmar

Haben Sie schon einmal etwas von Katagraphie gehört? Nein, nicht Kalligrafie, auch nicht Kartografie. An diesem heißen Montagabend erfahren die Freunde und Förderer des Staatstheaters und ihre Gäste, was sich hinter dem geheimnisvollen Begriff verbirgt.

Eine eigene Wortschöpfung von Jo Fabian, wie Moderatorin Gabi Grube zu Recht vermutet. "Sie setzt sich aus zwei Worten zusammen. Kata, ein Begriff aus dem asiatischen Kampfsport, der mit Übungsablauf übersetzt werden kann, verbindet sich mit Grafik: das Sichtbarmachen der Figuren im Raum", erklärt der 57-Jährige, der ab August das Amt des Schauspieldirektors übernimmt, seine szenischen Konstruktionen. "So werden die Umwandlung von Inhalt in Bewegung, die Transformation von Text in Tanz oder andere Metamorphosen sinnlicher Wahrnehmung ermöglicht", fächert er Teile seines von ihm entwickelten Theaterkonzepts auf. Wie 2015 bei seinem sinfonischen Bildertheater "Francesco" in Cottbus durchbricht er in seinen Arbeiten konsequent die Genregrenzen. Eine Herangehensweise, die dem vielseitigen Künstler, der als Autor, Choreograf, Bühnen- und Kostümbildner, Lichtdesigner, Komponist, Videokünstler und Programmierer arbeitet, auch internationale Beachtung eingebracht hat.

Katagraphie ist aber nur eine der ungewöhnlichen Arbeits- und Denkrichtungen, die Jo Fabian an diesem Abend in Cottbus andeutet. Er erzählt auch von einem Alphabet, das er für Tänzer entwickelt hat. Bisher beherrschten das nur acht Tänzer auf der Welt. Inzwischen haben auch Tänzer aus Cottbus es zu buchstabieren gelernt und die Francesco-Texte quasi auf die Bühne geschrieben.

"Das Publikum in Cottbus ist begeisterungsfähig. Natürlich wird so ein fast wortloses Bildertheater auch kontrovers diskutiert. Ich will Diskussionen auslösen, nicht verhindern", bekräftigt Fabian, der auf experimentelle Ausflüge aus ist. Theater sei nicht der Text, sondern die Intensität des Spiels, die Kraft der Persönlichkeit, das sinnliche ästhetische Erleben.

"Als ich 1988 bei der Werkstatt junger Theaterschaffender das erste Mal eine Inszenierung von Jo Fabian gesehen habe, war ich total fasziniert", erinnert sich Michael Apel, der von 2001 bis zum Ende der Spielzeit 2005/06 am Staatstheater engagiert war und gemeinsam mit Gabi Grube durch den Abend führt. Und Apel weiß auch noch genau, für welch Aufsehen Fabians choreografische Arbeiten in den 90er-Jahren in Cottbus gesorgt haben und wie toll die Zusammenarbeit mit ihm war.

Nun wird der freie Regisseur Fabian, der seit 1984 inszeniert und sein "Vagabundendasein" in der künstlerischen Freiheit genoss, zum ersten Mal Schauspieldirektor an einer festen Spielstätte.

In der vergangenen Woche war er noch in New York, jetzt ist er in Cottbus, wo er noch nicht mal eine Wohnung hat. Und doch freut er sich auf die Stadt: "Es hat seinen Reiz, kontinuierlich mit einem Ensemble zu arbeiten", sagt er, der natürlich nicht alle Schauspielproduktionen der neuen Spielzeit katagraphiert. Er ist offen für andere Handschriften und Sichtweisen, neue Medien, will "Ermöglicher" sein. Und so habe er Gastregisseure eingeladen, die eine persönliche Beziehung zu dem Stoff haben, den sie bearbeiten und auch hervorragend mit dem Ensemble arbeiten können. Vor allem aber will er mit den Zuschauern noch weitaus stärker in den Dialog treten, besonders mit den jungen. "Sie sollen sich nicht nur als Zugucker, sondern als Macher verstehen", drängt er: "Denn Kultur ist lebens-, ja überlebensnotwendig."