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Karrierebeginn mit Bergsteiger

Michael Becker hat am Samstagabend im Cottbuser Piccolo Theater gemeinsam mit Klaus Wilke sein neues Buch "Wahres, Schnurren, Anekdoten" vorgestellt.
Michael Becker hat am Samstagabend im Cottbuser Piccolo Theater gemeinsam mit Klaus Wilke sein neues Buch "Wahres, Schnurren, Anekdoten" vorgestellt. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Er steckt voller Schnurren und Geschichten – erlebt oder gehört in einem langen Theaterleben, der Schauspieler Michael Becker. Es scheint an diesem Samstagabend im Foyer des Cottbuser piccolo-Theaters, der mit dem Hereintragen vieler Stühle beginnt, als hätten sie viel zu lange in ihm gegärt, sprudeln nun geradezu heraus. Renate Marschall / mar1

Mehr als 200 Rollen hat Michael Becker gespielt, 33 Jahre, ein halbes Leben, war der 66-Jährige am Cottbuser Theater engagiert, wurde gerade erst verabschiedet. In einigen Stücken sei er aber noch zu erleben, fasst der Literaturkritiker Klaus Wilke, der durch den Abend führt, ein paar Fakten zusammen. Auch rechnet er vor, dass Becker wohl an 4000 Abenden auf der Bühne stand, das seien 17 Jahre. Und dann kommen ja noch die Proben dazu, die nicht immer ersprießlich waren, zum Teil geradezu katastrophal, wie die zu Schillers "Die Räuber" in Cottbus. Riesige Bücherregale säumten die Bühne, waren auf ausgeklügelte Art befestigt, weil sie am Ende zusammenfallen sollten, nur eines nicht. Den Schauspielern war eingetrichtert worden, dieses auf keinen Fall zu berühren, auf allen anderen wurde herumgesprungen. Die Probe begann und es krachte, im Spieleifer hatte Michael Becker gerade das verbotene Regal erwischt. Also alles wieder aufbauen, zweiter Versuch: rums. "Zielgerichtet sprang ich ein zweites Mal wieder in genau dieses Regal." Albtraum hat er diese Geschichte überschrieben.

Michael Becker erzählt, wie er von seiner Heimatstadt Lieberose ausgezogen war, in Leipzig Schauspiel zu studieren, dort aber "anderes zu tun" hatte. "Ich hatte mein Coming out." Das Studium schaffte er trotzdem und wollte nun in Zittau die Höhen der Kultur zu erklimmen - im Wortsinn. Das Gerhard-Hauptmann-Theater war 1974 sein erstes Engagement, eine Hauptrolle erwartete ihn. Der Tom in "Tom Sawyers Abenteuer" auf der Felsenbühne Johnsdorf. "Mir schwebten Monologe vor, ich wollte Ausbrüche geben, wollte textlich brillieren, eine wunderschöne Rolle hinlegen", erinnert sich Becker.

Statt dessen machte ihn die Intendantin mit einem Herrn Krause bekannt, Bergsteiger. Von ihm lernte er nun an mehreren Tagen, wie man auf Bergen herumturnt, ohne runterzufallen. "Das war der Anfang meiner Schauspielerlaufbahn", konstatiert Becker trocken. Weiter ging es dann 1979 ans deutsch-sorbische Volkstheater Bautzen, seit 1985 hält er Cottbus die Treue. Und was hat er hier nicht alles erlebt: Kollegen, die er mochte und die ihn mochten, auch solche, die gehässig waren, erfüllende Rollen, darunter schwer erarbeitete wie etwa in Heiner-Müller-Stücken, Regisseure ganz unterschiedlicher Temperamente und Theaterauffassungen. Christoph Schroth habe er viel zu verdanken, sagt Becker. Geradezu ins Schwärmen gerät er bei Alejandro Quintana. Nur zwei Mal habe er gesagt: "Ich arbeite nicht mit dieser Regisseurin." Und was die Kollegen betrifft, diese Buchpremiere war wie ein Klassentreffen, im Publikum saßen viele Theaterleute.

Natürlich hat Michael Becker auch einen Lieblingsautor, dessen Intellekt und dialektisches Denken er verehrt - Bertolt Brecht. Mit den beiden wunderbaren Musikern des Abends, dem Musikpädagogen Mario Heß, der mit seiner facettenreichen Stimme gleichermaßen Brechtsongs wie Musical zu interpretieren vermag sowie dem Pianisten und Keyboarder Philipp Standera will der Schauspieler ein Brechtprogramm auf die Bühne bringen. Und dann endlich auch selbst singen. Leider sei er ja nie singend besetzt worden, beklagt er. Dabei singe er so gern. Das erwartete er auch vom Publikum, das er aufforderte, in die Klage von Tevje, dem Milchmann aus dem Musical "Anatevka", einstimmen "Wenn ich einmal reich wär..."

Michael Becker jedenfalls ist schon reich. Sein Publikum liebt ihn, das hat auch dieser Abend gezeigt. Und auch wenn der Schauspieler meint, Theater könne die Welt nicht verändern, lehrt sein Buch doch etwas anderes. In so vielen Rollen hat auch er dazu beigetragen, die aus den Fugen geratene Welt zu begutachten, vorzuführen, wie Unrecht nur neues Unrecht gebiert und menschliche Defizite mit Humor einer Besserung anheimzustellen.

"Wahres, Schnurren, Anekdoten, alles nur Theater" ist das fünfte Buch Michael Beckers, wunderbar illustriert vom Cottbuser Maler und Grafiker Meinhard Bärmich, und besonders theaterinteressierten Menschen sehr zu empfehlen.