Für Ehrgeizige wie ihn, der sich jahrelang im Melbourner Exil mit Frau June in einem kleinen Fotostudio über Wasser gehalten hatte, erschien das Paris der Sechziger wie ein Paradies. Erst recht, als er seine erste Modeserie in der Vogue veröffentlichen konnte. "Ich musste nicht mehr Klinken putzen", freute er sich. Die Gesellschaft jener existenzialistisch geprägten Nachkriegsjahre schien an der Seine neu erfunden, auch in der Mode. Als eines Tages das Magazin "Queen" ihn beauftragte, die neueste Kleider-Kollektion des jungen Modemachers Andre Courreges zu fotografieren, sagte er sofort zu. Seine futuristisch gestylte Bildstrecke mit Models unter helmartigen Kappen und Säumen oberhalb des Knies begeisterte. Nicht jedoch die stellvertretende Chefredakteurin der französischen "Vogue", Francoise de Langlade, die ihn wutentbrannt in ihr Büro zitierte und ein Exemplar der besagten Nummer mit den Worten auf den Schreibtisch knallte: "Helmut, was soll das?" Es kam zu einem heftigen Streit, in dem ihm, der keinen Exklusivvertrag abgeschlossen hatte, Illoyalität und Verrat vorgeworfen wurde. Er endete damit, dass "ich aus den heiligen Hallen der Vogue rausgeworfen wurde, um erst 1969 zurückzukehren, als Francine Crescent Chefredakteurin wurde", schreibt Newton in "Pages from the Glossies". Die erneute Zusammenarbeit mit der Vogue dauerte bis 1981. Den Rauswurf samt Folgen hat die Helmut Newton Stiftung zum Anlass genommen, erstmals rund 200 ausgewählte Modefotos der 1960er- und 1970er-Jahre unter dem Titel "Fired" (gefeuert) in einer Sonderausstellung im Museum für Fotografie in Berlin-Charlottenburg zu zeigen. Zelebriert wird in der unverwechselbaren Bildsprache Newtons Mode von Courreges, Dior, Lanvin, Cardin, Yves Saint Laurent. Ricci, Roger Vivier, Marc de Carita, Mary Quant und anderen, allerdings bedeckter als seine späteren erotisch aufgeladenen Aktserien wie "Big Nudes" mit lasziven Posen, Pelzen und Peitschen, die bei Feministinnen wie Alice Schwarzer auf heftige Ablehnung stießen. Die Nachricht vom Rauswurf indes machte Furore. Die Chefredakteurin der "Elle", Claude Brouet, bot ihm kurz danach an, für ihr Magazin zu arbeiten. Das tat er mit sichtlichem Vergnügen. Auch seinen Models müssen seine aufwändigen Inszenierungen Spaß gemacht haben. Selbstsicher schauen sie in die Kamera, mal surreal im Weltraumlook in bedrängend engen Räumen, vor geöffneten Balkontüren im Mondschein, sexy im weißen Reitdress mit Peitsche in der Hand oder als verhüllte Nonne in aufreizend roter Soutane. Manchmal taucht Newton im Spiegel mit seiner Kamera wie ein dunkler Schatten hinter den hellen Cardin- und Lanvin-Kleidern der unnahbar sich gebenden Modelle auf oder drückt ihnen seine Kamera in die Hand. Während zuweilen drinnen in raffiniert mit Spiegeln ausgestatteten Studios attraktive Models auf Geheiß ihres Regisseurs ihre Aggressionen loslassen, übt draußen die studentische Jugend freie Liebe und Straßenkampf. Minirock, Hosenanzüge und Weltraumlook wirken ebenso aufpeitschend wie verrückte naughty girls in "Nova", die grinsend mit Stühlen und Handgranaten herumwerfen oder im grellbunten Boxerlook mit diamantenverzierten Schlagringen den Fotografen traktieren. ("Fire", Museum für Fotografie, Berlin-Charlottenburg, Jebenstr. 2, bis 17. Mai, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr geöffnet, Tel. 030/31 864 825)