Das Projekt wurde schnell in die Versenkung geschickt, doch die Sozis lassen sich nicht beirren. Jetzt erst recht nicht, wo ihr Vorsitzender Müntefering die Heuschrecken entdeckt und eine Kapitalismus-Debatte entfacht hat, die an beste Zeiten systemkritischer Rockmusik erinnert.
Folgerichtig ist es auch Münte, der am nächsten Freitag eine Veranstaltung im Berliner Willy-Brandt-Haus eröffnet, zu der der SPD-Parteivorstand und der John Lennon Talent Award laden. Das Motto der Diskussion lautet "Pop meets Politics: Musikkultur im Fernsehen - Quote oder Qualität„" (eine originelle Kopplung von Sprachform und Frageinhalt, immerhin geht es darum, wie deutsch die hiesige Musikkultur denn sein soll). Teilnehmen werden neben Fernsehmachern auch Musiker wie Inga Humpe von 2Raumwohnung. Nach der Runde wird die Berliner Band Schrottfisch aufspielen, die nach Selbstauskunft Pop mit deutschen Texten macht, "Fragen stellend, auch politisch". Damit haben sie unter anderem den Rio Reiser-Songpreis gewonnen.
Rio Reiser war bekanntlich ein großer Kapitalismuskritiker, mit seiner Band Ton Stein Scherben propagierte er unter anderem "Macht kaputt, was euch kaputt macht". In den letzten zwanzig Jahren waren solche Parolen nicht mal mehr in der Rockmusik angesagt, doch plötzlich findet selbst die Plattenindustrie, dass Bands mit solcher Attitüde wieder gebraucht werden. Bei der Eröffnung des ostdeutschen Nachwuchswettbewerbes f6 Music Award sagte ein Talentscout des Major Labels Warner, wenn er sich was wünschen könnte, dann eine Mischung aus Punkband und Ton Steine Scherben. Was das mit der SPD zu tun hat“ Eigentlich nichts, es passt aber gut zur Heuschrecken-Kampagne der Politiker: Ein Thema abgrasen, das sich gut vermarkten lässt und dann weiterziehen. Da sind sich Popindustrie und Politik doch irgendwie ähnlich.