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| 13:25 Uhr

Interview mit Kai-Uwe Kohlschmidt
Der kurze Weg vom Helden zum Narren

Kai-Uwe Kohlschmidt, Musiker, Komponist, Autor, Regisseur
Kai-Uwe Kohlschmidt, Musiker, Komponist, Autor, Regisseur FOTO: Leue
Cottbus. Der Frontmann der Gruppe Sandow ist Autor eines Hörspiels über die koloniale Vergangenheit. Von Thomas Klatt

Am 7. Juni erlebt das Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus die Premiere des RBB-Hörspiels „Detzman-Walking“ und die anschließende Aufführung des Deutschlandfunk-Features  „Das bin doch bloß ich“. Beide thematisieren die koloniale Vergangenheit Deutschlands. Im Interview spricht der Autor der Hörproduktionen Kai-Uwe Kohlschmidt über die Hintergründe.

Herr Kohlschmidt, Sie erzählen in „Detzman-Walking“ den  Kolonialismus aus der Sicht eines deutschen Vermessungsingenieurs, der in Deutsch-Guinea (jetzt Papua Neuguinea) für das deutsche Kaiserreich gearbeitet hat. Warum diese Perspektive?

Kohlschmidt Die deutsche Kolonialgeschichte ist zum großen Teil ja noch immer erzählerische Terra incognita, unbekanntes Terrain im doppelten Sinne. Man kann jedoch die Geschichte besser beurteilen, wenn sie sich in einer konkreten Story entfaltet. Deutschland hatte versucht, vom großen Kolonialkuchen noch etwas abzubekommen, als dieser bereits verteilt war. Detzner scheint auf den ersten Blick wie der typische kaisertreue Militarist. Er trägt aber auch die ganze Hybris, den Wahn in sich, den kommenden zivilisatorischen Untergang infolge der beiden Weltkriege vorwegnehmend.

Worum geht es in den beiden Hörspielen?

Kohlschmidt „Detzman-Walking“ erzählt die Geschichte des deutschen Offiziers Herman Detzner, der das unwegsame Deutsch-Neuguinea, eine Kolonie des Kaiserreichs, vermessen sollte. Nach sieben Monaten im Dschungel  erhält er die Nachricht, dass der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist. Australische Soldaten, auf der Seite des Kriegsgegners England, suchen ihn. Er versteckt sich mit Hilfe des deutschen Missionars Christian Keyßer im Hinterland der Insel und wähnt sich im heldenhaften Widerstand. Ein Don Quichote in Kaisers Rock. 1918 „kapituliert“ Detzner und wird nach Europa verschifft. Der Krieg ist inzwischen vorbei. Detzner schreibt, zurück in Deutschland, sein Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“, das ihn schlagartig berühmt macht. Das Werk wurde damals viel beachtet. Später, er hatte versucht, sich als Humboldt Ozeaniens darzustellen, stellt sich heraus, dass das meiste erfunden und übertrieben ist. Seine Glaubwürdigkeit ist ruiniert. Der Weg vom Helden zum Narren kann manchmal kurz sein. In Papua hingegen hat sich heute etwas ganz anderes entwickelt. Bei unseren Recherchen im Jahr 2016 trafen wir auf Menschen, für die Detzner heute eine Gottheit ist. Der Mythos vom „Verborgenen Mann“ lebt bis heute im tiefen Dschungel Papuas.

Im Feature „Das bin doch bloß ich“ kommt der Missionar Keyßer ins Spiel …

Kohlschmidt Keyßer war zur selben Zeit wie Detzner in Papua Neuguinea tätig. Nachdem die Arbeit der Mission jahrelang erfolglos war, entschließt sich Keyßer, ursprünglich ein bayerischer Hauslehrer, mit den Ureinwohnern zu leben. Im Verlauf der Zeit tritt 1904 ein kompletter Stamm zum Christentum über. Weitere sollten folgen. Keyßer war ungeheuer beliebt. Noch heute sprechen viele in Hochachtung von ihm und von Deutschland als dem Mutterland Papuas. Das alles ist noch immer eine sehr geheimnisvolle Welt. Man kann anhand von Mission und Kolonialismus größere historische Prozesse untersuchen.Der Wolf ist des Menschen Wolf.

Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

Durch Zufall fiel mir Detzners Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ in die Hände. Die Recherche und die Vorbereitung zur Reise nahmen zwei Jahre in Anspruch. Man kann nicht einfach nach Papua reisen. Das ist immer noch ein eigener Planet. Mit der Künstlergruppe „Mangan 25“ waren wir 2016 in Papua Neuguinea und gingen den Biografien von Detzner und Keyßer nach. Wir unternehmen regelmäßig weltweite Exkursionen und setzen uns in vielfältiger Art mit wilder Landschaft und Geschichte auseinander. Es war unsere 13. Reise.

Sie sind Sänger und Frontmann der Band Sandow. Profitieren Sie von diesen Reisen?

Kohlschmidt Sicher. Es entstehen nicht nur regelmäßig Hörspiele, Malerei, Theater, Fotografie, Literatur und Musik. Auch die Texte unseres aktuellen Sandow-Albums „Entfernte Welten“ sind von diesen Expeditionen stark inspiriert.

Mit Kai-Uwe Kohlschmidt
sprach Thomas Klatt

Uraufführung des RBB-Hörspiels „Detzman Walking“ am Donnerstag, 19 Uhr, Landesmuseum für moderne Kunst (dkw) Cottbus, Information: Telefon: 0355 49494040