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Kabarett
Volksbegehren in Senftenberg

Jürgen Becker hat für alle seine Sex-Thesen bildliches Beweismaterial dabei.
Jürgen Becker hat für alle seine Sex-Thesen bildliches Beweismaterial dabei. FOTO: Jürgen Weser
Senftenberg. Jürgen Becker blättert an der Neuen Bühne die „Kulturgeschichte der Fortpflanzung“ auf. Von Jürgen Weser

Der Künstler ist anwesend, behauptete Jürgen Becker vor knapp drei Jahren an der Neuen Bühne Senftenberg. Diesmal war er nicht nur anwesend, sondern hatte als neues Programm die gesamte „Kulturgeschichte der Fortpflanzung“ mitgebracht und deklarierte sie als „Volksbegehren“ gleich im doppelten Sinn. Das Thema „fasziniert“ und funktioniert als „nie versiegende Form der Erheiterung“, weiß der Kabarettist Becker augenzwinkernd mit typischem Kölschen Charme. „Mal einen schönen Abend machen“, wünscht er dem Publikum im proppevollen Saal des Theaters. Dafür zaubert er zur Untermalung seiner beißenden Ausführungen erotische Meisterwerke aus mehreren Jahrhunderten auf die Bühnenleinwand. So viel menschliches und tierisches nacktes Fleisch, wenn auch nicht pur, war wohl innerhalb von zwei Stunden noch nie an der Neuen Bühne zu sehen. Aber es dient ja einem aufklärerischen Zweck. Außerdem, so Becker, denkt ja der Mann sechzig Prozent des Tages an Sex und nur vierzig an Fußball. Über ein Drittel des gesamten Datenverkehrs seien pornografische Inhalte, und 70 Prozent davon würden wochentags zwischen 9 bis 17 Uhr heruntergeladen. Da bekäme der Begriff Gleitzeitarbeit gleich eine völlig neue Bedeutung. Der Kabarettist surft durch sämtliche Bereiche von Sex und Fortpflanzung bei Tier und Mensch und gerät dabei fast nie unter die „Gürtellinie“.

Der 1959 geborene Jürgen Becker, der nach Realschule und Ausbildung zum grafischen Zeichner über den zweiten Bildungsweg und einem Fachschulstudium Sozialarbeit und nach Gründung eines Druckereibetriebes den Weg zum Kabarettisten, Autor und Fernsehmoderator fand, macht in Senftenberg klar, dass etwas dran sein muss am Sex zwischen beunruhigend, elektrisierend und schockierend bis „sooo angenehm“. Allerdings haben wir Menschen es nicht so leicht wie die Blattläuse. Da bleiben die Lausbuben außen vor. Außerdem wollen Frauen zwar auch Sex, aber erst einmal möchten sie mit Balzverhalten beeindruckt werden, wollen reden, sich austauschen, essen gehen, massiert werden. Aber wer möchte wegen der männlichen Anstrengungen deshalb schon Laus-Bub sein? Becker räumt gleich noch auf mit dem Vorurteil, dass Männer nach dem Sex sofort einschlafen. Viele können das nicht, sie müssen erst nach Hause.

Jürgen Becker führt die Kabarettbesucher wortreich von der freizügigen Götterwelt der Antike und den offiziellen Verklemmtheiten der christlichen Religionen bis zur Homosexualität bei Pinguinen und Geistlichen im Vatikan. Er prangert die sexuelle Unterdrückung der Frauen durch alle Religionen an und zeigt, wie „weltoffen und freizügig auf Plakaten“ die AfD im Wahlkampf gegen die Burka zu Felde gezogen ist. Eine Burka wünsche er sich manchmal, gibt Jürgen Becker zu, wenn er am FKK-Strand in Mecklenburg-Vorpommern der Heerschar von Ü70-jährigen Männern begegnet.

Obendrein bekommt die CSU mit ihrem Familienbild „Mann, Frau, zwei Kinder und eine nackte Sekretärin“ ihr Fett weg. Ebenso Putin mit seinen Halbnackt-Posen, um sich als starker und potenter Politiker zu präsentieren. „Hoffentlich kommt Angela Merkel nicht auf die Idee“, bringt Becker seine Furcht zum Ausdruck.

Wer von den Kabarettbesuchern mochte, konnte in der Pause Bücher oder Alben mit Beckers Autogramm erwerben, um die Weisheiten des Kabarettisten nachlesen zu können. Freundlicherweise hatte Jürgen Becker etliche Kästen Kölsch mitgebracht, damit sich die Kabarettgäste nach der Veranstaltung erholen konnten.

Ach ja, eine Frage blieb offen. Männer können weitaus mehr Kinder zeugen, als Frauen gebären können. Warum ist das so?