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| 17:39 Uhr

Cottbus
Ferdinand als absoluter Punk

Boris Schwiebert zwischen „Kabale und Liebe“ in der Rolle des Ferdinand.
Boris Schwiebert zwischen „Kabale und Liebe“ in der Rolle des Ferdinand. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Schillers berühmtes Drama „Kabale und Liebe“ hat am Sonnabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere. Boris Schwiebert spielt einen Ferdinand, der auch gern mal aus der Rolle fällt. Von Ida Kretzschmar

In der Nacht hat Boris Schwiebert geträumt, er würde den Ferdinand nackt auf die Bühne bringen. „Aber nein. Dieser Ferdinand ist zugeknöpft bis auf die Halskrause“, lacht der Schauspieler. Dabei mache er sich durchaus nackig, in dem er all seine Verrücktheiten ausleben kann. Schon als Gymnasiast verrückte Schwiebert gern das Gewohnte. Drippelte in Frauenklamotten auf dem Schulhof auf, mit Schminke und so. Jeden Tag war er ein anderer. „Mein Versuch, offene Münder zu erzeugen“, erinnert er sich. „Als Punk begehrte er gegen die Spießigkeit in diesem Gymnasium in Berlin Grunewald auf, wo man schon mit 18 mit dem eigenen Auto vorfuhr und Krawatte trug.

Bereits damals fühlte er einen starken künstlerischen Drang, auf der Bühne des Lebens das Spektrum unterschiedlicher Möglichkeiten aufzuzeigen und Akzeptanz dafür einzufordern. Sein Beruf ermöglicht es ihm heute, all das auszukosten. „Es geht um das Recht, so zu leben, wie man leben will. Wenn ich nicht am Theater wäre, wäre ich vielleicht immer noch der Punk“, vermutet der 47-Jährige, der mit seiner Frau und drei Kindern in Dresden wohnt. Noch. Denn eigentlich zieht es die Familie in die Lausitz. „In Cottbus habe ich das Gefühl, noch stärker an meine Berliner Heimat herangerückt zu sein“, gesteht Schwiebert, der nun in der zweiten Spielzeit fest zum Ensemble des Staatstheaters gehört.

Dass sein Ferdinand in Cottbus als Punk daherkommt, kann also nicht verwundern. „Regissieur Jo Fabian gibt mir Gelegenheit, meinen Hang zu Verrücktheiten einzubringen und lustvoll auszuspielen. Dieser Ferdinand ist ein Filou, naiv, ausgeflippt und frech genug, die pure Liebe zu leben. Und er ist Punk genug, um auf alle Konventionen zu pfeifen“, sagt Schwiebert. Das Facettenreiche reizt ihn: „Einerseits stürzt er sich Hals über Kopf in diese Liebe zu Luise, lehnt sich auf gegen starre Strukturen des Adels. Andererseits fordert er die bedingungslose Liebe, führt sich selbst auf wie ein absolutistischer Herrscher“, sinniert Schwiebert. Unermessliche Eifersucht, der Druck des Vaters, Rache- und Hassgefühle treiben Ferdinand in den Wahnsinn, lassen Gewaltgedanken sprießen. „Das ist nicht weit weg. Junge Leute geraten auch heute unter Anpassungsdruck, erleben, wie Familien deformiert werden. Sie stellen sich Fragen: Wie will ich leben? Wie gelingt es, die auferlegten Fesseln loszuwerden?“ Andererseits erlebten sie starke Gefühle, die erste Liebe. „Ich sehe an meinem eigenen 17-jährigen Sohn, wie filigran und empfindsam sie ist. Es wäre fatal, gäbe ich als Vater da zu viele Ratschläge“, glaubt Boris Schwiebert.

Ihm selbst war schon als vierjährige Berliner Göre klar: Ich werde Schauspieler. Der Junge durfte in der Fernsehserie „Das feuerrote Spielmobil“ mitspielen und wortlos dabei helfen, ein Fahrrad zu reparieren. Die Folge hieß. „Bei Uli ist ‚ne Schraube locker“, erinnert sich der 47-Jährige noch heute lachend. Vor allem an das unbändige Gefühl: Jetzt geht es los.

Diese Aufbruchstimmung, diesen Kindheitstraum hat er in sich bewahrt, während er an Publizistik, Soziologie und Politik schnupperte und sich schließlich doch für die Schauspielschule entschied. Nur weit im Süden musste sie sein, nahe bei der Frau, die er im Berliner Wedding kennenlernte und die in Italien Geigenbau lernte. So studierte er vier Jahre lang in Freiburg. Im vierten Jahr hatte er schon ein festes Engagement an der Badischen Landesbühne in Bruchsal. 2002 folgte er dem Ruf von Volker Metzler, der Oberspielleiter am Theater Junge Generation in Dresden geworden war. Acht Jahre später inszenierte dort Jo Fabian „Wendelgard“. „Diese Begegnung war so nachhaltig, dass ich beschloss, neue künstlerische Wege zu suchen“, erzählt der Schauspieler. So gehörte er ab 2011 der freien Thaterszene an. Mindestens einmal jährlich arbeitete er mit Jo Fabian zusammen. So stand er auch als stummer Mönch auf der Bühne im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus, als hier Fabian sein sinfonisches Bildertheater „Francesco“ inszenierte.

„Ich verdanke ihm so wichtige künstlerische Begegnungen, dass mir die Entscheidung leicht fiel, als er mich dann als Schauspieldirektor fragte, ob ich fest nach Cottbus kommen möchte. Zumal ich das Haus und das Ensemble mag, das mich so offenherzig aufgenommen hat“, erzählt Schwiebert, der auch mit seiner ausgelassenen Spiellust in der „Spanischen Fliege“ schon in Cottbus auf sich aufmerksam gemacht hat.

In „Kabale und Liebe“ aber entdeckt er gerade noch einmal mit Vergnügen, was Theater alles darf. Mal bin ich Ferdinand, dann wieder Boris, der es wagt, sich als Spieler zu erkennen zu geben.“ Jo Fabians Arbeitsweise fordere es geradezu heraus, Routine infrage zu stellen, wach zu sein, Gewohntes zu verrücken“, macht Schwiebert neugierig: „Es öffnen sich immer wieder neue Räume – übrigens auch für die Zuschauer.“

Für die Premiere am 13. Oktober kann an der Abendkasse nach Restkarten gefragt werden. Für den 16. Oktober, 18. Oktober und 28. November gibt es Restkarten bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice, Telefon: 0355/ 78242424, online: www.staatstheater-cottbus.de