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| 02:41 Uhr

K(r)ampf ist alles

Szenenfoto mit Ariadne Pabst (Nora/v.l.), Oliver Breite (Advokat Helmer), Laura Maria Hänsel (Frau Linde) und Michael Becker (Doktor Rank).
Szenenfoto mit Ariadne Pabst (Nora/v.l.), Oliver Breite (Advokat Helmer), Laura Maria Hänsel (Frau Linde) und Michael Becker (Doktor Rank). FOTO: M. Kross
Cottbus. Henrik Ibsens Schauspiel "Nora oder Ein Puppenheim" feierte am Samstag in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere. Katka Schroths Inszenierung reicht von subtiler Anspielung über sexuelle Dramatik bis hin zur grotesken Übersteigerung. Hartmut Krug

Ibsens "Nora" aus dem Jahr 1879 wirkt beim Wiederlesen wie eine surreal verstaubte Figur. Wie soll man mit der heute die Emanzipation einer Frau zeigen, ohne dass der Zuschauer entweder den Kopf schüttelt oder schlimmer, mit ihm immer nickt? Eine Ehefrau, die sich Eichhörnchen oder Vögelchen nennen und sich ins Puppenhaus der Biedermann-Ehe stecken lässt! Und die dennoch heimlich mit einer gewagten Geldleihaktion ihrem Mann das Leben rettet! Doch gespielt wird dieses Psycho-Spiel um selbstbestimmte Lebensform und Lebenslügen noch oft. Wenn auch selten so wie Ibsen es schrieb.

Ibsens gemütliches Zimmer mit Kupferstichen und Nippes hat Bühnenbildner Christoph Ernst durch eine offene, zweigeschossige Wohnung mit jeweils vier Zimmern pro Geschoss ersetzt. Kein Naturalismus, auch wenn es so scheint. Ein Zeichensystem eher, in dem jeder um wenigstens seine Existenz kämpft. Weshalb sich alle hier auch körperlich unentwegt sehr nahe kommen. Manchmal überflüssiger Weise sexuell drastisch. Aber um einfache Psychologie geht es hier nicht. Sondern um Wirkungen. Nicht alle Anspielungen, nicht alle Verhaltensweisen versteht man sofort. Macht nichts. Oben in den Zimmerecken laufen die Fernseher unentwegt, und die Zimmerwände sind mit Bildern aus verschiedenen Milieus und Ländern bemalt. Eine wohl amerikanische Blondine strahlt gegen eine Frau auf einem Bild von Womacka, eine Schärenlandschaft konkurriert mit dem Rosaroten Panther, und ein Teilbild von Munch lässt den Schrei vermissen. Ein Kinderzimmer, ein Klavierzimmer und all die anderen, hier engen Räume, die man so braucht in unserer Konsum- und Veräußerlichungswelt.

Regisseurin Katka Schroth nimmt Ibsens Stück in Cottbus auseinander und setzt es unordentlich wieder zusammen. Einen direkten Realismus scheut die Regisseurin dabei wie der Teufel das Weihwasser. Was bei Ibsen niedlich und miefig wirkt, wird bei ihr durch groteske Übersteigerung weggewischt. Und wenn auch manchmal nur indirekt, lassen Herbert Fritsch (zum Beispiel mit seiner grellen Nora als Puppenspiel überm Abgrund) und Frank Castorf (zum Beispiel mit seiner Textwiederholungs-Masche) grüßen. Alle fünf Personen des Stücks sind in dieser Inszenierung immer zugleich beieinander. Sie gehen sich an den Pelz und auf den Wecker und spielen ihre unendlichen Selbstverwirklichungs- und Konkurrenzkämpfe mit- und gegeneinander. Es sind Egoisten, - nach Aufmachung, Verhalten und Kostümen leben sie zwischen 1950 und vielleicht heute. Sie posieren unentwegt. Ob sie sich als Filmstar oder mit einem Song vorstellen, ob sie sich gegenseitig kopieren, immer geht es darum, mehr zu scheinen als zu sein.

In Cottbus wird die Geschichte vom gerade ernannten Bankdirektor Torvald und seiner Frau Nora, deren Ehe auf einer Lüge gut zu stehen scheint, als Kampfspiel inszeniert. Und die Darsteller werfen sich mit deutlicher Lust und vollem Körpereinsatz ins Bedeutungsspiel. Oliver Breite setzt seinen behänden Körper als Waffe ein und agiert die unterdrückte Aggressivität des Torvald beim Hantieren mit einer Pistole aus. Laura Maria Hänsel als Noras Schulfreundin Kristine wirkt wie gerade von einem Vespa-Motorroller gestiegen, sie tanztschrittelt ihren inneren Druck herrlich aus, ohne jemals die Sonnenbrille abzunehmen, während Hausfreund Doktor Krank (den Michael Becker als allzeit bedrohlich spielt) sogar seine tödliche Krankheit als Kampfmittel einsetzt. Und wie Jochen Palatschek als heimlicher Geldverleiher an Nora, die dafür eine Unterschrift fälschte, die Panik des um seine Anstellung Kämpfenden in eine zappelige Hektik übersetzt!

Ernst nehmen wir alle diese Leute nicht. Aber wir schauen ihnen gerne zu. Weil sie komisch sind. Und dabei darstellerisch artistisch. Und weil sie uns in ihrer scheinbaren Fremdheit so nahe kommen. Auch wenn man nicht jeden Regieeinfall der verfremdend verdeutlichenden Darstellung versteht in dieser sich mit Gags manchmal selbst überholenden Inszenierung. Dass hier soziale Posen und gesellschaftliche Klischees mit Phantasie und Komik vermittelt werden, das erkennt man so gern wie deutlich.

In einer Inszenierung, die sich zuweilen beim Ausmalen von Ideen im Rhythmus und ihrer Zeitdauer vertut. Sodass man auch mal ungeduldig wird. Wie bei der Schlussszene, wenn Nora (in jeder Hinsicht kraftvoll: Ariadne Pabst) ihren Mann verlässt. Oder auch nicht? Aber dann doch, und dann wieder nicht, und…, - während sich alle fünf unendlich lange im Kinderbett übereinander verhakeln. Na ja, dann geht Nora doch noch. Um unendlich lange "Time to say goodbye" zu singen. Soll sie, hat uns doch alles viel Spaß gemacht.