Was hat Lessings fast 250 Jahre alte "Minna von Barnhelm" mit dem Heute zu tun? Was kann "Dantons Tod", vor über 170 Jahren von Georg Büchner geschrieben, dem modernen Menschen noch sagen? Mit diesen Fragen bepackt, gingen Angelika Zacek und Ingo Putz an ihre Regie-Arbeit für die neue Theaterreihe. Und sie fanden heraus: Eine ganze Menge."Bei Minna geht es, gerade passend zur Finanzkrise, vorrangig ums Geld", sagt Angelika Zacek. "Und, auch ganz aktuell, um die Frage: Inwiefern verkraften es Männer, dass die Frauen - die ja heute öfter in höheren Positionen arbeiten als früher - mehr verdienen als sie selbst?" Minna: Geld und ListDenn das ist eines der Hauptprobleme von Lessings Figur Major von Tellheim: Als Krüppel und mittellos aus dem Krieg zurückgekehrt, sieht er keine Möglichkeit, seine wohlhabende Verlobte Minna von Barnhelm heiraten zu können. Sein Ehrgefühl lässt das nicht zu - ebenso wenig, wie Geld von Freunden anzunehmen. "Das ist ein großes Problem auch heute, Geld oder Hilfe anzunehmen. Denn dann würde man ja zugeben, dass man ihrer bedarf", so Angelika Zacek. Doch Minna (Susann Thiede), eine sehr moderne Frau, interessiert das Geld Tellheims (Gunnar Golkowski) nicht, sondern nur die Liebe. Sie kann den Stolz des Majors nicht verstehen und wendet eine List an. . .Die Regisseurin, die aus Wien stammt, hatte bisher mit Lessings Stück, mit dem übrigens 1908 das Große Haus am Cottbuser Schillerplatz eröffnet worden war, wenig zu tun. Sie hatte in Wien Schauspiel studiert und nach Engagements in Wien, Linz und Hannover an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin ein Regiestudium absolviert. Die Freude war groß, als ihre Bewerbung um die Regie am Cottbuser Staatstheater von Erfolg gekrönt war. Genau wie Ingo Putz, der aus Oldenburg stammt, war sie vorher nie in Cottbus gewesen. Putz hatte überhaupt erst über Umwege zu seiner jetzigen Tätigkeit gefunden - hätte er doch mit seinem Lehramtsstudium eher an eine Schule gehen sollen. Doch die Liebe zum Theater war größer, er bekam eine Stelle als Regieassistent am Oldenburgischen Staatstheater, ehe er selbst inszenierte. Nun sind beide umso begeisterter vom Cottbuser Theater, dem Ensemble und dem wagemutigen Schauspieldirektor und gespannt, wie ihre Stücke, für deren Umsetzung sie maximale Freiheit hatten, beim Publikum ankommen - waren doch auch die Schriftsteller beim Verfassen der Werke jung: Büchner war Anfang 20 und Lessing mit Mitte 30 etwa genauso alt wie die Regisseure heute. Auch wenn die Stücke verschieden sind, gibt es doch Parallelen, wegen derer sich Ingo Putz und Angelika Zacek gelegentlich zusammensetzten. Und nicht zuletzt gleichen sich die Rahmenbedingungen - arbeiten doch beide mit jeweils fünf Schauspielern und fast dem gleichen Bühnenbild. Bei "Minna # Lessing" wirbelt als einzig großes Spielelement Geld über die Bühne, in dem sich abwechselnd Minna und Tellheim wälzen.Bei "Danton # Büchner" ist es dagegen eine Küche. Denn bei Ingo Putz steht Danton (Michael Becker) am Herd und würfelt Gemüse. Auch das ein aktueller Bezug - zu den derzeit beinahe inflationär gezeigten Kochshows. "Ich habe mich gefragt: Woran liegt das?", so Ingo Putz, "und bin darauf gekommen, dass das Kochen etwas Unpolitisches ist, etwas Privates, bei dem man nichts falsch machen kann." Und das passt zu seinem Danton. Denn der ist nach Büchner politikmüde aus der Französischen Revolution zurückgekehrt. Doch Robespierre (Oliver Seidel), auch einer der Revolutionsführer, will im Gegensatz zu Danton ein sinnliches und frohes Leben geißeln. Es entspinnen sich Machtkämpfe zwischen den Männern, die einmal denselben Traum hatten. Robespierre will Danton und dessen Freunde schließlich töten lassen. "Die große Frage des Stückes ist, warum Danton nicht geflohen ist", so Ingo Putz. "Wahrscheinlich, weil er im Denken schon zu weit war." Danton: Liebe und FluchtDenn der Regisseur hat das Drama um Danton noch mehr verdichtet, indem er - abweichend von Büchner - eine Verliebtheit zwischen dem Freund und der Frau Dantons, Camille und Julie, einstreut. "Danton verharrt und sieht zu, wie seine Liebe und sein Freund mit ihm untergehen. Das provoziert Fragen wie: Ist ein Zusammensein nur im Tod möglich?" Das Stück soll kein Historiendrama sein, deshalb hat Ingo Putz auch auf historische Kostüme verzichtet und als St. Just, der rechten Hand Robespierres, mit Kathrin Victoria Panzer eine Frau eingesetzt. Dennoch spielt das Stück nicht in der Jetzt-Zeit, denn die Französische Revolution soll als Metapher dienen. Trotzdem hat der Regisseur aktuelle Bezüge eingebaut, mit denen er kleine Nadelstiche setzen will. "Das war unser Anliegen: die Stücke von Lessing und Büchner nicht zu sehr zu verfremden", sagen die beiden Regisseure. "Wir haben den Schwerpunkt eher auf die Personen und ihre Beziehungen gelegt." Herausgekommen sind komprimierte Fassungen der Klassiker - jeweils etwa eineinhalb Stunden lang. Die jedoch keineswegs zu wild sind, wie Angelika Zacek und Ingo Putz schmunzelnd bekunden.