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| 16:15 Uhr

Premiere
Rundum gelungene Nachtgeschichte

„Der Sandmann“ mit Sophie Charlotte Gjardy als Erzähler (im Vordergrund stehend).
„Der Sandmann“ mit Sophie Charlotte Gjardy als Erzähler (im Vordergrund stehend). FOTO: Marlies Kross / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Jugendklub des Staatstheaters zeigt eine beeindruckende Inszenierung von „Der Sandmann“.

Was für eine ehrliche, grenzenlose Freude, wie man sie empfindet, wenn etwas Besonderes, Großartiges gelungen ist, bei dem man sich selbst die Latte hoch gesetzt hat. Die Mitglieder des Jugendklubs des Staatstheaters Cottbus haben einen solch kostbaren Moment am Samstagabend in der Kammerbühne erlebt und mit ihnen die Zuschauer im voll besetzten Saal. Mit E. T. A. Hoffmans Schauermärchen „Der Sandmann“, ein nach allen möglichen Seiten interpretierbarer Text, aus dem man ein Stück erst machen muss, hatten sich die jungen Leute etwas ausgesucht, was nicht gerade leicht auf die Bühne zu bringen ist. Die Umsetzung, die sie sich gemeinsam in unzähligen Diskussionen über ein halbes Jahr erarbeitet haben, von der künstlerischen Leiterin Nadine Tiedge klug in die richtigen Bahnen gelenkt, überzeugt.

„Der Sandmann“ ist eine von E. T. A. Hoffmanns Nachtgeschichten. 1816 erschienen ist sie eine der herausragenden Gruselgeschichten der Schwarzen Romantik, die vom Irrationale, von der dunklen Seite des menschlichen Seins und vom abdriften in den Wahnsinn – damals noch ziemlich unerforscht – fasziniert war. Hoffmanns Hauptfigur Natanael, ein eher introvertierter Typ, meint in dem fliegenden Händler Coppola den unheilvollen Copelius wiederzuerkennen. Ein Verderber, der gemeinsam mit dem Vater alchemistische Versuche unternahm, bei denen der Vater ums Leben kam. Seither geistert Coppelius durch Natanaels Träume, wird seine Präsenz zur fixen Idee. Immer schlimmer wird der Gedanke von Fremdbestimmung, nachdem ihm Coppola ein Wetterglas verkauft hat. Ist Coppola Copelius und der am Ende der Sandmann, mit dem er als Kind traktiert wurde? Der Sandmann, so erzählt ihm die Amme, streue Kindern, die nicht schlafen wollen, so lange Sand in die Augen, bis diese blutig herausfallen. Augen, sie spielen in der Erzählung und auf der Bühne eine große Rolle. Sie gelten als Spiegel der Seele und um die geht es hier vor allem. Ihre Verletzungen, ihre Versuche, sich mit der Fantasie zu erheben, der unzulänglichen, manchmal grausamen Welt zu entfliehen. Schafft sie es nicht zurückzufliegen, verirrt sie sich manchmal im Wahnsinn. Für Natanael endet das tödlich.

Von Anfang an ziehen die dreizehn Akteure das Publikum mit Fragen hinein in Natanaels Welt. Hast du deine Augen mitgebracht? Kennst du deinen Sitznachbarn? Wirklich? Glaubst du an den Teufel? Kann es falsch sein, an Idealen festzuhalten? Schon mal einen schlecht gelaunten Vogel gesehen? Die Stimmen kommen aus dem Off. Auf der Bühne, von Hans-Holger Schmidt zu einem atmosphärischen Spielort gestaltet, Federn, leichte, weiße Stoffbahnen, ein Bett, trockene Zweige, ein paar Stufen, ein Stuhl. Gestalten kriechen, schleichen heran und bedrängen Natanael, in dieser Bühnenfassung weiblich, während der Erzähler, der sich im Verlauf der Handlung immer mehr als Natanaels innere Stimme, zweites Ich offenbart, gelassen daneben sitzt. Sophie Charlotte Gjardy verkörpert ihn eindrucksvoll mit satanischen Zügen. Die drei Briefe aus der Erzählung sind hier am Anfang leer, jeder muss sein Leben selbst schreiben. Das von Natanael ist nicht so lustig. Angst bestimmt seine Kindheit. Lucy Franz spielt das wunderbar einfühlsam. Am liebsten möchte man auf die Bühne stürzen und dieses Kind Natanael in den Arm nehmen, wenn die grausame Amme vom Sandmann erzählt. Tamina Alex verkörpert eindrucksvoll eine Person, die Lust am Quälen hat. Clara, jene junge Frau mit dem hellen Geist, Natanaels Verlobte, erhält hier, indem sie dreifach existiert, eine etwas mehrschichtigere Persönlichkeit. Rebecca Walter, Caroline Quos und Tara Juretko spielen das gut differenziert. Saleh Alallwan ist ein talentierter Verkäufer jener besonderen Brillen, die aber nach Natanaels Negativreklame keiner im Publikum mehr haben will. Christian Ameln gibt den Coppelius als undurchsichtige Figur. Den Wissenschaftler Spalanzani, der mit Olimpia, in die sich Natanael blind verliebt, einen Avatar erschafft, spielt Sophie Lehmann entsprechend skrupellos. Lia Roschlaub wiederum kreiert eine zerbrechliche Kunstfigur Olimpia mit eindrucksvoller Gesangseinlage. Anisa Ibragimova ist Natanaels Mutter ohne wirkliche Muttergefühle. Last not least erlebten die Zuschauer mit Annalena Köppe eine unerhört wandelbare Natanael. Zurecht heimsten sie und Sophie Charlotte Gjardy als Hauptakteure den meisten Beifall ein.

Alle gemeinsam haben sie es geschafft, diesen schwierigen Stoff kurzweilig, inspirierend und gar nicht so düster auf die Bühne zu bringen. Sie haben dafür viele theatrale Möglichkeiten genutzt, bis hin zu tanztheaterähnlichen Passagen. Rundum gelungen, was talentierte, engagierte, fantasievolle Junge Leute ihrem Publikum präsentiert haben.

Nächste Vorstellungen: 24. und 26. Mai, jeweils 19.30 Uhr; 3. Juni, 19 Uhr.