Von Julia Kilian

Mit dem Älterwerden ist das so eine Sache. Auch wenn der nächste runde Geburtstag ansteht, fühlt man sich oft nicht wesentlich älter. So geht es auch Schauspieler Ulrich Matthes, der am heutigen 9. Mai 60 Jahre alt wird: „Wenn ich mich erinnere, was ich als 20-Jähriger über 60-Jährige gedacht habe: ,Au weia, in dem Alter steht man mit einem halben Fuß doch schon im Grabe.‘“

Da sei der Altersunterschied ungeheuer groß gewesen. „Während ich jetzt oft grinsend denke: Och, Mitte 20, das ist ungefähr eine Altersklasse mit mir“, sagte Matthes. Er habe in manchen Situationen eine durchaus noch kindliche Art. Wenn man ihn in Interviews und auf der Bühne sieht, nimmt man ihm das ab.

Viele kennen den Berliner aus dem Kriegsdrama „Der Untergang“ als NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Im „Tatort“ tauchte er mal als Bösewicht auf und bekam dafür einen Grimme-Preis. Auch eine Goldene Kamera hat er. Matthes steht aber vor allem auf der Bühne, seit 2004 gehört er zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin.

Dort spielt er derzeit in Molières „Der Menschenfeind“ oder im Oliven-Weißburgunder-Mittelschicht-Drama „Westend“. Für seine Rolle in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ ernannte ihn die Fachzeitschrift „Theater heute“ 2005 zum „Schauspieler des Jahres“, 2008 bekam er den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ für „Onkel Wanja“.

Wenn der hagere Matthes auf der Bühne steht, entfaltet er eine ziemliche Wucht. Er wolle sich nicht zwischen Theater und Filmemachen entscheiden, hat er zuletzt erzählt. Die Frage kommt auf, weil er gerade einen wichtigen Posten in der Filmwelt übernommen hat: Er ist Präsident der Deutschen Filmakademie, der etwa 2000 Menschen aus der Branche angehören. Bisher leitete Iris Berben die Akademie.

Bei ihr bedankte sich Matthes mit einem Ständchen – und textete Frank Sinatras „The Lady is a Tramp“ ein wenig um. Berben rührte er damit bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises zu Tränen. In seiner Antrittsrede rief er dazu auf, das Kino als Ort zu stärken, beim Filmemachen tollkühner zu werden und zur Europawahl zu gehen.

Denn Matthes ist, das sagt er selbst, schon wegen seines Elternhauses ein „ganz und gar politischer Mensch“. Geboren wurde er 1959 in Berlin, sein Vater war Journalist und später Chefredakteur des „Tagesspiegel“. Auch seine Mutter sei eine sehr politische Frau. „Ich habe mich nie in einer Partei engagiert, aber ich bin seit vielen Jahrzehnten ein politisches Wesen“, sagte Matthes. „Ich habe seit ein paar Jahren mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus in erhöhtem Maße das Gefühl und das Bedürfnis, mich für diese liberale Demokratie und für dieses Land starkzumachen“, sagte Matthes. Auch in der Akademie will er das zum Thema machen.