In dieser Oper ist von nichts anderem die Rede, als von Liebe. Trotzdem sind am Ende alle Protagonisten tot. Liebe kann hier nicht tödlich sein, sie ist es. Schnörkellos inszeniere Martin Schüler genau diese Zwangsläufigkeit. Die Dreiecksgeschichte von Leidenschaft, Naivität und Gier verträgt weder tiefgründelnde Subtexte noch ironisierende Coolness. Auch hat Martin Schüler gut daran getan, Handlungszeit und -ort nicht zu verlegen. "Tosca" spielt am 14. Juni 1800. Napoleons Sieg in der Schlacht von Marengo wird vermeldet und treibt das Stück auf sein tragisches Finale zu.

Es beginnt in der Seitenkapelle einer römischen Kirche. Der Maler Mario Cavaradossi ist mit dem Bild einer Maria Magdalena beschäftigt. Er bemerkt einen in die Kirche geflohenen Häftling. Einfach aus Anstand und weil der Republikaner Angelotti ein Feind des widerlichen Polizeipräsidenten Scarpia ist, hilft er ihm.

Auch die Sängerin Floria Tosca taucht bei Cavaradossi in der Kirche auf. Beide Künstler sind ein Liebespaar. Allerdings ist Tosca krankhaft eifersüchtig und liefert ihren Geliebten ungewollt, aber blind und dumm an Scarpia aus. Auch sich selbst. Scarpia ist besessen davon, Frauen, die ihn verabscheuen, intrigant zum Beischlaf zu erpressen. Für Tosca hat er sich ausgedacht, sie miterleben zu lassen, wie Cavaradossi gefoltert wird. Schließlich droht ihm wegen Beihilfe zur Flucht der Tod, es sei denn, Tosca kauft ihn mit ihrem Körper frei. In allerhöchster Bedrängnis findet sie einen dritten Weg und ersticht Scarpia. Der hat Cavaradossis Erschießung indes längst angeordnet; auch Tosca gelingt die Flucht nicht mehr, nachdem ihr Mord entdeckt wurde.

Martin Schüler gelingt es, diese hochgepeitscht emotional handelnden Personen durch Körpersprache, Blicke, Gesten doch menschlich begreifbar zu machen und damit beide "Tosca"-Klippen glücklich zu umschiffen. Weder stellt er das Personal eines Schauerstücks auf die Bühne, noch lässt er die Sänger vor allem schöne Töne präsentieren.

Puccini komponierte dieses krasse Stück, dessen Gefühlspendel stets bis zum Anschlag ausschwingt, in klaren und intensiven Farben. Intim und zärtlich, jubelnd triumphal, trotzig verzweifelt, brutal und infam, immer befindet man sich in einer emotional eindeutigen Situation. Das arbeitet Evan Christ sehr genau heraus. Dabei bleibt er selbst im Überschwang der Gefühle kammermusikalisch, lässt das kunstvolle Geflecht von Leit- und Erkennungsmotiven stets plastisch hervortreten. Nichts bleibt emotional zweideutig, wenngleich er impressionistische Passagen mit ihren Reibungen und Mischfarben markant hervorhebt. Streckenweise behandelt er auch die Sängerstimmen fast orchestral, bettet sie in die harmonische Struktur des Orchesterklangs förmlich ein.

Dies kommt besonders Jens-Klaus Wilde zugute. Von Martin Schüler als eher introvertierter Künstler angelegt, wäre strahlendes Italo-Macho-Gehabe seiner Figur spielerisch und auch gesanglich ganz fremd. Wilde berührt über lange Strecken durch seine ungemein wohlklingenden sottovoce (unter der Stimme) gesungenen Töne. Aber Puccini ist Puccini; der eine oder andere wirklich strahlende Ton mehr hätte nicht geschadet.

An der Titelfigur vollbrachte Martin Schüler die bemerkenswerteste Regie-Arbeit. Meist unerträglich dümmlich wirkend, bekam Toscas Eifersucht im ersten Akt eine fast kindliche Verspieltheit. Nie ihre Integrität verlierend steht die Figur im zweiten Akt ebenbürtig vor Scarpia, naiv hoffend erlebt sie schließlich den heimtückischen Mord an Mario. Auch ihr berühmtes Glanzstück "Vissi d'arte" verkam nicht zum manierierten Kunststück für lyrischen Sopran. Die stimmstarke, souveräne Soojin Moon sang es wie einen irrationalen Glückstraum in höchster Bedrängnis.

Wie so oft war der Böse der Beste. Andreas Jäpel verfügt über einen splendiden Bariton, der wahlweise samtig zart oder elastisch und hart zupacken kann. Als Scarpia konnte er beide Varianten wunderbar vorführen. Dazu ist er ein feiner Darsteller, dessen Begehrlichkeit und Genusssucht, dessen Heimtücke und Unerbittlichkeit in kammerspielhafter Intensität enorm starken, stimmlich immer genau beglaubigten Ausdruck finden. Großartig. Und noch ein vierter, unsichtbarer Solist verdient höchstes Lob: der Soloklarinettist im Orchesters. So schön, so sanft verschwebend, hörte man das große Klarinettensolo am Beginn des 3. Aktes wahrlich selten.

Bravo-Rufe und viel Beifall für alle.

Nächste Vorstellungen am heutigen Dienstag; 18. Juni; 26. Juni, und 3. Juli, jeweils 19.30 Uhr.

Ticket-Tel.: 0355/7824 24 24.