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| 02:41 Uhr

Jubel, Blumen, Begeisterung

Cottbus. Wieder hat das Staatstheater bei seinen Ausgrabungsarbeiten mit "Die Favoritin" (La Favorite) ein geschicktes Händchen bewiesen. Donizettis Belcanto-Ströme flossen unter der Leitung von Ivo Hentschel, Martin Schülers Regie gab den Sängern freien Raum und entfaltete trotzdem eine spannende Geschichte. Irene Constantin

Cottbus im Glück. Da die Schnittmenge zwischen Opernfans und Fußballinteressierten größer ist, als man gemeinhin denkt, kam das Publikum am Sonnabend schon gut gelaunt ins Große Haus. Und dann wurde es nur noch besser. Man schwelgte, man badete im Gesang. Die Besetzung von Gaetano Donizettis 63. Oper (er komponierte 75) erwies sich als auserlesen.

Zwar wurde "La Favorite" für die Pariser Opéra komponiert und ist somit französischsprachig, aber Stil und Gesangsgestus erweisen das Werk unzweifelhaft als italienische Oper der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war die große Zeit des Belcanto mit den Glitzernamen Rossini, Donizetti, Bellini. Und für dieses Repertoire hat das Staatstheater genau die richtigen Sänger. Marlene Lichtenberg in der Titelpartie der Léonor: rassiger Mezzosopran, samtig dunkle Töne in den tieferen Lagen, dramatische Attacke in der Höhe, schöne Linie wenn es langsam und innig wird; mehr Ausdruckskraft und Leidenschaft als "geläufige Gurgel". Alexander Geller als jugendlicher Held Fernand: strahlende, kraftvoll-leichte Stimme, langer Atem, leuchtende Höhe (der eine wacklige Ton wird in den nächsten Vorstellungen traumsicher "sitzen"), lyrische Intensität. Auch darstellerisch der Held des Abends, zum Dahinschmelzen.

Perfekt besetzt

Sehr gut, dass auch die nächstwichtigeren Partien - in der italienischen Oper gilt strenge Hierarchie - perfekt besetzt waren. Zuvörderst Alphonse XI., König von Kastilien: der Gast Ciprian Marele ist ein italienischer Bariton erster Klasse: dunkle Energie, Geschmeidigkeit und Härte, perfekter Wohllaut. Er sollte öfter nach Cottbus kommen. Dann der andere Machtmensch, Bal thazar, Prior in Santiago de Compostela: der bassgewaltige Ingo Witzke endlich einmal in einer Partie, in der er vollkommen überzeugte. Allein mit der schwarzen Macht seiner Stimme könnte er, so schien es, seinen Willen selbst bei einem König mühelos durchsetzen. Mit den leiseren, geschmeidigeren Tönen bot er aber auch den berechnenden Gestus des liebenden Vaters.

Bleiben die kleinen, jedoch für den Ablauf des Ganzen so wichtigen Rollen der Vertrauten und des Höflings: Debra Stanley lässt ihren unschuldsvoll lieblichen Sopran im einzigen heiteren Liedchen leuchten; Matthias Bleidorn schleimt sich mit grandios fies eingestelltem Tenor durch die Handlung, ein bösartiger Buffo.

Macht, Politik, Liebe

Worüber singen sie eigentlich? Der König liebt seine Maitresse Léonor tatsächlich, will sich scheiden lassen und sie heiraten. Dazu braucht er das Einverständnis des Papstes, aber Balthazar bringt stattdessen die Androhung des Kirchenbanns. Léonor, von ihrem Leben im goldenen Käfig angewidert, hat sich in Fernand verliebt und der erwidert diese Liebe mit jugendlichem Sturm; für den König die Gelegenheit, sich gütig von der Geliebten zu trennen. Fernand heiratet Léonor, schwelgt im Glück, weiß aber nicht, dass sie sein erträumter "reiner Engel" nicht ist. Soweit so interessant, eine Verquickung von Macht, Politik, Psychologie und Liebe.

Pause. Freudiges Plaudern, heitere, angeregteste Stimmungslage im Gesumm der Foyers. Schon vor dem Ende Begeisterung.

In der Schlusskurve schwenkt die Handlung leider in gängige Opernkonvention ein. Fernand sieht sein Reinheitsgebot verletzt, verlässt Léonor, legt ein Mönchsgelübde ab, erkennt dann doch, zu spät, seine Liebe, verzeiht der den Liebestod sterbenden Léonor und beschließt, ebenfalls zu sterben. Schade, dass es Übertitel gibt - die Musik des letzten Aktes ist ein Traum; Tenorarie, Liebesduett, zum Weinen schön. Und unter alles legten Ivo Hentschel und das Orchester einen so wohlausgewogenen, präzisen und farbenleuchtenden Klangteppich, dass es die reine Freude war. Jubel, Blumen, Begeisterung.

Zum Thema:
Cinthya Guerro (33) aus Mexiko, nach Studium und Promotion akademische Mitarbeiterin an der BTU-Cottbus-Senftenberg, gehörte zu den unermüdlichen Bravo-Rufern schon während der Vorstellung: Mir gefällt Marlene Lichtenberg mit ihrer außergewöhnlichen Stimme. Und es ist wunderbar, wie sie als Hochschwangere diese alles fordernde Rolle ausfüllt. Auch Ciprian Marele als König finde ich spektakulär. Als ich vor neun Jahren aus Mexiko-Stadt nach Cottbus kam, glaubte ich, ich müsste nach Berlin und Dresden fahren, um großes Theater zu erleben. Inzwischen weiß ich: Es ist hier zu finden. Karin Bittig (57), Angestellte und Matthias Bittig (60), Planungsingenieur, aus Cottbus: Wir waren schon zur offenen Probe der "Favoritin" und sind jetzt wegen Marlene Lichtenberg hier, weil wir als regelmäßige Opernbesucher ihre Stimme sehr mögen. Auch der Tenor war stimmgewaltig. Überhaupt waren an diesem Abend große Stimmen zu hören, große Arien, das war große Oper! Gundula Laurischk, 63, Zahnärztin aus Cottbus: Ich bin total begeistert. Alexander Geller ist für mich der Favorit. Aber natürlich auch die Léonor. Fantastisch, dass Marlene Lichtenberg im achten Monat schwanger zur Premiere auf dieser Bühne steht. Und diese tiefe sonore Stimme von Ingo Witzke passt so gut zu einem Priester. Ich habe mich im Vorfeld mit der Handlung beschäftigt, aber selbst wenn nicht, ist sie gut verfolgbar. Und wir haben noch ja gar nicht von dem Bariton gesprochen!