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| 15:12 Uhr

Vor der Premiere
Musik und Theater als Rettungsanker

Jörg Steinberg inszeniert Brassed Off.
Jörg Steinberg inszeniert Brassed Off. FOTO: Marlies Kross
Cottbus . Als erstes Schauspiel der Saison im Großen Haus des Staatstheaters hat am 10. November „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ Premiere. Gut 20 Jahre nach Mark Hermans gleichnamigem Film bringt Regisseur Jörg Steinberg den brisanten Filmstoff auf die Bühne. Von Ida Kretzschmar

Schier endlos drehen sich die Räder auf der Bühne. Sie knirschen wie die Schaufelradbagger im Lausitzer Revier. Bis zur Pause. Dann herrscht auf einmal unheimliche Stille. Die Zeche im britischen Arbeiterstädchen Grimley ist geschlossen. „Das passierte in England vor mehr als 20 Jahren. Ich habe mir die Gegend selbst angesehen. Wenn jetzt nicht aufgepasst wird, ist auch die Lausitz bald mausetot“, schildert Jörg Steinberg, wie ihn die Brisanz des Stückes, das am Samstag in Cottbus Premiere hat, beschäftigt.

„Ich schleppe diesen Stoff schon lange mit mir herum. Wo aber passt er besser hin als in die Lausitz – gerade jetzt?“, sagt der Regisseur. Heute stehe nicht mehr die Frage, ob es einen Ausstieg aus der Kohle gibt, sondern wie. „Es geht nicht darum, sich auf eine Seite zu schlagen. Es geht um die Menschen. Um den Wert von Arbeit und darum, woran sich Menschen messen lassen. Um eine Versöhnung von Arbeit und Umwelt. Menschen sind keine Maschinen. Menschen haben Seelen“, bekräftigt er. Und so sucht seine Inszenierung nach Antworten: „Wie gehen wir miteinander um? Was rettet uns, wenn scheinbar nichts mehr geht?“

Was gegen den Stillstand hilft, verrät schon der Name des Stücks: „Brassed Off – mit Pauken und Trompeten“. Die Kohlekumpel wehren sich mit Musik gegen die Brüche und Unsicherheiten, die in ihr Leben gekommen sind. Miteinander, Solidarität und Musik als Rettungsanker. „Bei aller sozialen Härte, die es widerspiegelt, wirkt das Stück komisch, optimistisch, nie gewalttätig“, verspricht der Regisseur, für den es eine organisatorische Herausforderung ist, das ganze Ensemble, zwölf Schauspieler, zwölf Musiker, vier Kinder und fünf Techniker in den Spielfluss zu bringen. Das Blasorchester Cottbus ist mit Pauken und Trompeten dabei.

Steinberg vertraut auf die Kraft des Theaters: „Wir haben die Möglichkeit, dorthin zu gehen, wo es scheinbar keine Lösung mehr gibt, wo die Fronten verhärtet sind. Sinnlich erfahrbar zu machen, wie es anderen geht, gegenseitiges Verstehen, Kommunikation anzubahnen, dafür bietet Theater eine Chance“, ist er überzeugt: „Die Grundbedingung dafür ist natürlich, dass alle auf Empfang schalten“, lacht der 55-Jährige.

Man kennt Jörg Steinberg schon in Cottbus. Spätestens seit „Lothar rennt“, eine seiner lustigen Nummern. Aber der Berliner stand schon Anfang der 90er auf der Bühne des Staatstheaters. In „Whisky & Flags“ von Jo Fabian und vorher als Baal in dessen Tanzstück „Baal Tanz Tod“. Und nicht nur als Schauspieler bleibt er im Gedächtnis. Die Kinder lieben seine „Momo“, die Erwachsenen seinen Humor, der ihm und seinen Inszenierungen, nicht nur im „Sparschwein“, ins Gesicht geschrieben steht.

Ja, den 1963 in Berlin geborenen Regisseur, Schauspieler und Autor zieht es oft und gern nach Cottbus. Regelrecht „besessen“ waren die Zuschauer von seinem gleichnamigen Fußballstück. „Dabei verknüpfen sich meine beiden Leidenschaften, das Theater und der Fußball“, offenbart Jörg Steinberg. Er hat selbst in der 3. Liga gespielt. „Als 18-Jähriger bin ich mit Aktivist Salzwedel sogar gegen Jürgen Sparwasser angetreten“, bemerkt er. Ein Kreuzbandriss hat ihm dann einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Auch Dinge, die man leidenschaftlich gern hat, sind endlich. Das muss man akzeptieren, auch wenn es schmerzt“, sagt er und verweist darauf, dass es ganze Berufszweige gibt, über die die Zeit hinweg geht: Ofensetzer, Laternenanzünder...

Selbst hatte er den Beruf des Nachrichtentechnikers gelernt, den es so nicht mehr gibt. Aber eigentlich wollte er ohnehin Schauspieler werden. „Als Kind habe ich gern Indianerfilme im Zeltkino gesehen und entwickelte mich zu einem wahren Gerechtigkeitsfanatiker“; schmunzelt Steinberg, der in den 1980ern an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin studierte und danach für drei Jahre am Landestheater Dessau anheuerte. „Ich glaubte, mit Kunst die Welt verändern zu können. Ziemlich naiv, und doch darf Theater den Glauben an Veränderbarkeit nicht aufgeben“, ist er sich sicher. Eine Hoffnung, die er wohl auch mit Schauspieldirektor Jo Fabian teilt. „Mehr als 20 Stücke haben wir gemeinsam gemacht, seit ich ihn 1990 traf. Mich fasziniert, wie er mit Licht, Musik, Farben, Schauspielern, Texten, mit dem Publikum umgeht. Das Spielerische verbindet uns. Und doch gehen wir oft unterschiedlich an die Dinge heran, was sich gut ergänzt“, sagt Steinberg. Als Schauspieler war er an verschiedensten Theatern freiberuflich tätig, arbeitete parallel für Film und Fernsehen. Er begann Stücke zu schreiben, und seit 1996 führt er Regie. Von 2011 bis 2016 arbeitete er als Hausregisseur und Studio­leiter am Neuen Theater in Halle.

Nun also die Inszenierung in Cottbus bei Jo Fabian. „Ich liebe das realistische Spiel“, sagt Steinberg, „klare, abstrakte Bühnenbilder, in denen sich Menschen auf glaubhafte Weise auseinandersetzen. Ich überzeichne nicht. Theater ist Überzeichnung genug“, findet er. Ob er sich vorstellen könne, noch einmal als Schauspieler auf der Bühne zu stehen? „Vielleicht in einer Inszenierung von Jo. Ansonsten fehlt mir das Spielen nicht, weil ich als Regisseur auf der Probe alle Rollen spielen kann“, beteuert er.

So sehr er für seinen Beruf brennt, kann er nicht verstehen, wenn eine seiner berühmten Kolleginnen im Interview sagt: „Mein Leben fand nur auf der Bühne statt.“ Kein Mensch sollte sich auf seinen Beruf reduzieren lassen, glaubt er. „Bist du allein das, was deine Arbeit ausmacht?“ Auch danach frage doch „Brassed Off“. Steinberg engagiert sich im Verein „Türöffner“, der bereits mehr als 200 Geflüchtete in Arbeit, Ausbildung oder Praktikum brachte. Er unterstützt ein Projekt, in dem junge Berliner und junge Ausländer gemeinsam Theater machen. Er genießt die Zeit mit seiner Frau, den beiden Söhnen und Enkelkindern. Und mit seinen Freunden. Die meisten sind außerhalb des Theaters zu Hause.

Hin und wieder neigt Steinberg auch zur Selbstreflexion. Über Fußball habe er genug geschrieben, wobei er mit der Mitteilung ermutigt, dass, wo er auftaucht, an Abstieg nicht zu denken ist. „Beim Fußball war ich immer vorn, ich bin Spielgestalter, kein Spielzerstörer“, beteuert er. Nun schwebt ihm ein Stück über den Beruf des Schauspielers vor. Der Arbeitstitel lässt schon tief blicken: „Kantinenpatrioten...“


Karten für die Premiere am 10. November und die nächsten Vorstellungen am 17. November, 18. Dezember und 25. Dezember jeweils 19.30 Uhr, bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice, Telefon 0355/ 78242424, an der Abendkasse oder online unter: www.staatstheater-cottbus.de