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Interview mit Jochen Kowalski
Der Mann mit der hohen Stimme sprengt starre Musikfesseln

Der 63-jährige Jochen Kowalski erinnert sich gern an Begegnungen in der Lausitz.
Der 63-jährige Jochen Kowalski erinnert sich gern an Begegnungen in der Lausitz. FOTO: Felix Feistel
Cottbus. Wie einer der berühmtesten Countertenöre Deutschlands mit Erinnerungen umgeht – am 28. Januar ist es  am Staatstheater Cottbus zu spüren. Von Ida Kretzschmar

Jochen Kowalski ist am 28. Januar, 19 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus gemeinsam mit Musikern der Staatskapelle Berlin, die im Salonorchester „Unter‘n Linden“ zusammengefunden haben, zu Gast. Im RUNDSCHAU-Interview mit dem bekannten Countertenor geht es um persönliche und musikalische Erinnerungen.

Jochen Kowalski, Verraten Sie doch einmal jenen, die nicht so in der Musikwelt zu Hause sind: Wie entwickelt man sich zu einem Countertenor?

Kowalski Die Stimme hat mir wohl eine gute Fee in die Wiege gelegt. Oder die Begabung. Vor allem hatte ich das große Glück, Menschen zu treffen in meinem Leben, die die Begabung erkannt haben wie Marianne Fischer-Kupfer an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin und Harry Kupfer an der Komischen Oper. Sie haben mich unterstützt und bestärkt auf diesem Weg. Das überwiegende Publikum kennt Tenor und Sopran, vielleicht noch mal einen Bass. Countertenor, oder auch männlicher Alt, wie diese Stimmlage auch genannt wird, ist immer ein bisschen Exoten-Dasein. Ich habe versucht, den Countertenor aus den starren Musikfesseln der alten Musikszene herauszulösen und ihn tagestauglich zu machen. Ich spreche auch ein Publikum an, das sonst kaum in die Oper geht oder sich ein Oratorium von Händel anhört. Wenn dieses mich im Radio hört und aufmerkt: „Das ist ja der Mann mit der ungewöhnlich hohen Stimme“, habe ich viel erreicht. Mehr kann man nicht verlangen.

Braucht es eine besondere Technik, um diese Stimmlage auszubilden?

Kowalski Schon. Vor allem aber braucht es besondere Voraussetzungen. Man muss den entsprechenden Kehlkopf dafür haben – und die Lust, die Liebe und den Mut. Die meisten Männerstimmen haben diese Fähigkeit, auch oben in der Countertenorlage zu singen. Aber die meisten Männer trauen sich nicht. Heutzutage ändert sich das, ist das alles kein Problem mehr.

Sie trauen sich. Und wie! Gerade haben Sie unter den Linden mit Comeback-Grandezza, wie ein Kritiker schrieb, als Amme in Monteverdis „Poppea“ brilliert. Was bedeutet Ihnen diese Rückkehr an die Berliner Staatsoper?

Kowalski Schon vor 300 Jahren hat Monteverdi das so konzipiert, dass ein Mann die Amme singt. Als man mich drei Tage vor Probenbeginn fragte, ob ich die Rolle übernehmen will, habe ich gesagt: Na klar. Dass es so ein Erfolg wird, wusste ich auch nicht. Es war wirklich ganz toll. Und das Tollste ist, dass ich wieder in der Staatsoper sein kann, wo meine Laufbahn begann.

Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Kowalski Ich war fünf Jahre Bühnenarbeiter und Requisiteur an der Staatsoper. Nebenbei nahm ich Gesangsunterricht. Dann wurde ich einmal abgelehnt an der Hochschule, ein zweites Mal. Beim dritten Mal haben sie mich genommen. Seit 1983 bin ich an der Komischen Oper und singe überall, auch an der Staatsoper. Aber diese Rolle kam genau zur richtigen Zeit. Das war ein Glücksfall. Die Cottbuser können sich getrost ins Auto setzen oder in die Bahn und die „Poppea“ in Berlin anschauen.

Im Sommer waren Sie im Rheinsberger Schloss in James Reynolds Kammeroper Tucholskys Alter Ego. Was war für Sie daran besonders?

Kowalski Mit jungen Leuten zu arbeiten ist ja für einen Sänger, der schon seit 35 Jahren auf der Bühne steht, immer sehr spannend. Das hat mir viel Spaß gemacht. Zumal in dieser Rolle. Tucholsky ist ja eine interessante Figur, tolle Musik, toller Text. Das vergangene Jahr war für mich wirklich ein schönes Jahr. Und jetzt freue ich mich auf Cottbus. Es ist das erste Konzert im neuen Jahr. Und ausgerechnet in Cottbus.

Gibt es eine besondere Verbindung zum Staatstheater?

Kowalski Ich liebe dieses Theater sehr. Schon als Student habe ich dort Aufführungen gesehen. Mit dem heutigen Intendanten Martin Schüler war ich an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in einem Studienjahr. Er studierte Regie, ich Gesang. Von den Aufführungen im Haus war ich immer begeistert wie Wagners „Rheingold“. Und auch wenn wir uns heute kaum noch sehen, ich freue mich, immer wieder dort zu sein. Das Staatstheater ist eines der bestgeführtesten in Deutschland, die Mitarbeiter sind freundlich. Außerdem habe ich noch eine Cottbuser Konditorei gut in Erinnerung. So ein Kuchenbüffet habe ich in Berlin noch nicht gesehen. Auch deshalb freue ich mich, zum wiederholten Mal mit einem Programm am Cottbuser Staatstheater zu sein.

Diesmal ist es ein Erinnerungsprogramm.

Kowalski Es ist Musik, die für das Publikum wie für mich und das Orchester mit vielen Erinnerungen verbunden ist. Das gilt besonders für den Schlager, der dem Programm den Titel gab: „Wir machen Musik“. Aber ich will kein Museum errichten, alte Schubladen aufziehen, sondern das Alte neu erlebbar machen. Ich verspreche: Niemand wird sich dabei langweilen, weil er alles schon kennt.

Was wird denn so zu erleben sein?

Kowalski Zwei Stunden lang geht es von einem Wechselbad ins andere. Zum Ufa-Schlager gesellen sich beliebte Tangos und Märsche, Filmmusik, berühmte Orchesterstücke, weltbekannte Chansons, Operetten-Hits und klassische Walzer – ein Kaleidoskop vom Barock bis zur Gegenwart im zeitgenössischen Gewand. Das Ganze ist zugeschnitten auf unser kleines Salonorchester mit seinem wunderbaren musikalischen Leiter Uwe Hilprecht. Er schreibt die Arrangements. Ich freue mich schon, das Cottbuser Publikum wiederzutreffen. Anschließend gibt es ja wieder eine Autogrammstunde, wo wir miteinander sprechen können. Ich hatte schon so viele nette Begegnungen in Cottbus. Es war immer sehr angenehm, weil Cottbus ein gebildetes Publikum hat. Das hat übrigens schon vor vielen Jahren Reporterlegende Hans-Florian Oertel, der gebürtige Cottbuser, zu mir gesagt. „Wenn du nach Cottbus kommst, wirst du merken: Das ist ein Theaterpublikum.“ Und er hatte recht.

Mit welcher Rolle fühlten Sie sich am meisten in Ihrem Element?

Kowalski Jede Rolle, die ich singe, ist mir wertvoll. Das entscheidet sowieso das Publikum, was gut ist oder nicht. Wenn das Publikum damit nichts anfangen kann, war alles umsonst.

Wer wie Sie auf so vielen Bühnen dieser Welt gestanden hat, bleiben da noch Wunschträume?

Kowalski Meine Wunschträume habe ich alle erfüllt. Ich war bei den Salzburger Festspielen, fünf Jahre hintereinander an der Metropolitan Opera in New York, immer wieder in Japan, an der Wiener Staatsoper... Einiges gibt es noch, das ist gerade im Gespräch. Würde ich das ausplaudern, dann geht es womöglich nicht in Erfüllung. Da bin ich abergläubisch. Eines kann ich verraten: In diesem Jahr feiern wir den 150. Geburtstag des Komponisten Max von Schillings. Er hat ein wunderbares Melodram geschrieben, das Hexenlied. Und das führe ich in einem neuen Liederabend im August auf. Das wird was ganz Spannendes, zunächst mit Klavier, dann mit Orchester. Ich scheue keine Herausforderung.

Wie kann man so ein großes Programm überhaupt bewältigen und bei Stimme bleiben?

Kowalski Man muss jeden Tag üben und diszipliniert leben, auch mal Nein sagen, wenn es zu viel wird. Mein großes Glück ist, dass mir mein Beruf Spaß macht. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Da wird mir nichts zu viel.

Karten sind erhältlich bei der LAUSITZER RUNDSCHAU und im Besucherservice des Staatstheaters: Ticket-Telefon 0355/7824 2424 sowie im Internet unter www.staatstheater-cottbus.de