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| 15:33 Uhr

Uraufführung
Wohin die Welt geht

„Terra In Cognita“: Szene mit  Thomas Harms (links vorn).
„Terra In Cognita“: Szene mit Thomas Harms (links vorn). FOTO: Marlies Kross / Theaterfotografi
Cottbus. Viele starke Momente: Premiere von Jo Fabians „Terra In Cognita“ am Staatstheater Cottbus. Von Hartmut Krug

Auf dem Bühnenvorhang steht: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Mit diesem Zitat von William Faulkner beginnt ein Abend, bei dem Regisseur Jo Fabian versucht, die Entwicklungsgeschichte der Menschheit in Form eines Choreografischen Bildertheaters zu erzählen. Es beginnt in einem großen, dunkelroter Galeerenraum , in den von jeder Seite vier Ruder ragen. Ein Trommler gibt ihnen den Rhythmus vor, während sich auf einer Leinwand ein Gesicht vervielfältigt und mit geschlossenen Augen die Leiden der Vergangenheit auszudrücken scheint. Leben ist Fortbewegung, sagt Fabians in der Frühzeit der Menschheit beginnender mehrteiliger Abend. Er  zeigt in einer Zeitreise, was die Menschheit antreibt. Leben ist Fortbewegung, auch wenn über dem Raum zwei Felsbrocken als Zerstörungspotential drohen. Dazu bewegen sich unter einer beengenden Zeltplane im eher schlicht gedachten Bild Menschen in weißer Unterwäsche. Ein Choral wirkt als  Ordnungsmoment, – dann ist nach knapp zwanzig Trommelminuten Pause.

Im zweiten Teil wandert ein Video-Diorama auf dem Vorhang als wunderschönes langes Wandbild durch die historischen Epochen an uns vorbei. Christentum und Gewalt, Michelangelos „David“, eine Nonne mit Koffer und die gewalttätige Ausbreitung des Christentums werden gezeigt. In einer ästhetisch und thematisch tollen, bewegten Szenenfolge geht es durch die Geschichte von  Gewalt und Eroberung. Eine Karawane, kriegerische Reiter, das Forum Romanum in Rom sind zu sehen. Mal wird eine rote Fahne geschwungen, mal  tanzt ein Mann individualistisch ganz für sich und eine Frau in Weiß sitzt friedlich unterm Schirm neben einem Löwen. Man könnte diesem formal und inhaltlich faszinierenden Videogang durch die Geschichte gern länger zuschauen. Doch schon öffnet sich der Vorhang, und in einer Art Krankensaal sind die unterschiedlichsten Menschen zusammengesperrt. Darunter ein Nazi in Uniform, ein Massenmörder mit Beil und Blumenstrauß als Doppelwesen für Gewalt und Mitgefühl und ein Jude mit einem heiligen Buch sitzen hier. Die Figuren, etliche sind blutbefleckt, wechseln die Symbole, von  latenter Gewalt geht es zu Kontaktversuchen zwischen Aggression und Mitgefühl, die Ideologien kommen und gehen und die Weltanschauungen verändern die Menschen. Leider sind die Texte, auch über Mikrofon, kaum zu verstehen. Schwer zu sagen, ob dies Ungeschick oder Absicht ist. Schließlich aber singen alle immer wieder „Eins sein, beieinander bleiben“, als sei es von Marthaler. Dann wechseln sie in vielen kleinen Szenen ihre Rollen. Warum sie aber schließlich Tiere spielen und einer von ihnen gar als Affe ins Publikum geht, erschließt sich nicht recht. Immerhin lassen Statements zu Miete, Menschen und Kameltreibern die Szene in heutigen politischen Auseinandersetzungen landen.

Nach einer zweiten Pause gibt es schließlich noch eine lange Trommelszene mit Männern, die von Kopf bis Fuß schwarz (!) gekleidet sind. Dazu redet eine Frau aus dem Off mahnend zu Krieg und Umsturz. Das klingt, als sei sie eine politische Predigerin im Tone des Berliner Ensembles. Wenn sich die Trommler schließlich von der „schwarzen Gefahr“ entschwärzt  und in Individuen verwandelt haben, finden sich alle an der Rampe zusammen. So endet die Inszenierung auch als Statement zu den politischen Auseinandersetzungen der Zeit.

Indem Jo Fabian versucht, für die Auseinandersetzung mit der heutigen politischen Situation eine eigene Theatersprache zu finden, gelingt ihm ein über weite Strecken beeindruckender Abend. Zwar überzeugt der nicht immer, doch er fordert das Publikum mit vielen starken Momenten und einigen surrealen Passagen.

Nächste Vorstellung: 29. März, 19.30 Uhr Am 20. April, 19.30 Uhr, läuft „Terra In Cognita“ als Theatertag, für den jeder Platz im Großen Haus  zehn Euro kostet.

 Karten sind erhältlich im Besucherservice sowie online über www.staatstheater-cottbus.de. Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24.