Quasi als Nachklang zur "New York Times", die dasselbe auch gerade tat und in ihrer Hymne einen Mitarbeiter einer Berliner Galerie mit dem schwärmerischen Satz zitiert: "Niemand arbeitet in Berlin, jeder ist entweder ein Künstler oder ein Politiker." Hm.
Es ließe sich hinzufügen, manche sind offenbar beides oder zumindest als das eine auch ein großer Fan vom anderen. So wie Hans-Dietrich Genscher, der gern Tokio Hotel bei seiner Berliner Geburtstagsparty auftreten lassen wollte. Oder SPD-Chef Kurt Beck, der sich als Fan des deutschen Schlagers plakativ geoutet hat, indem er für einen Rheinland-Pfälzischen Sender mit dem Bekenntnis "Ja zum deutschen Schlager" warb.
Der deutsche Schlager, könnte man nun einwenden, hat ja relativ wenig mit Kunst zu tun, aber darum geht es nicht. Viele Leute lieben, wozu sich allerdings nicht alle bekennen. Kurt Beck, der das gern tut, dürfte sich deshalb nicht freuen, dass der deutsche Schlager ausgerechnet an diesem Wochenende beim großen Europafest der Bundesregierung in Berlin ausgegrenzt wird. Die deutschen Sangesvertreter am Brandenburger Tor - neben Stars wie Gianna Nannini und Joe Cocker - sind eher junge Popsternchen wie die Castingband Monrose. Ob nun trotz oder wegen des Fehlens der deutschen Schlagerzunft, jedenfalls wird mit viel Publikum gerechnet. Die Veranstalter träumen von einer Stimmung wie auf der Fanmeile bei der Fußball-WM.
Einen Missklang in die schöne Erinnerung an die tolle WM-Zeit bringt nun jedoch der Bundesrechnungshof. Er bezweifelt, dass die 24 Millionen Euro, die die Bundesregierung für das WM-Kulturprogramm spendierte, ordnungsgemäß verteilt wurden. Vielmehr sei das meiste Geld ohne Ausschreibung an ein Eventunternehmen geflossen, zu dem Kulturprogrammchef André Heller vielfältige Vertragsbeziehungen unterhalte. Außerdem ist von "fehlender Transparenz und Angemessenheit der Ausgaben" die Rede.
Es ist das alte Lied, das die Rechnungshofleute immer wieder singen, egal, wen es betrifft. Sollte es in diesem Fall tatsächlich stimmen, es würde passen zum Bonmot: "Niemand arbeitet in Berlin, jeder ist entweder ein Künstler oder ein Politiker."