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| 19:21 Uhr

Jazzwerkstatt Peitz
Unerhört frische Töne in der Stadt

Reunion of The Art Ensemble of Chicago spielten in Peitz mit Roscoe Mitchell (Saxofone) und Famoudou Don Moye (Schlagzeug, Perkussion), Hugh Ragin (Trompete, Flügelhorn), Tomeka Reid (Cello), Junius Paul und Jaribu Shahid (beide Bass).
Reunion of The Art Ensemble of Chicago spielten in Peitz mit Roscoe Mitchell (Saxofone) und Famoudou Don Moye (Schlagzeug, Perkussion), Hugh Ragin (Trompete, Flügelhorn), Tomeka Reid (Cello), Junius Paul und Jaribu Shahid (beide Bass). FOTO: Ingrid Hoberg
Peitz . Ein inspirierendes Wochenende hat die Jazzwerkstatt beim Festival Nr. 55 in Peitz geboten. Mehr als 50 Musiker haben mitgewirkt an der sommerlich-entspannten Zeit in der Stadt am Karpfenteich. Von Ingrid Hoberg

Ungewöhnlich - auf dem Spieltisch der Orgel in der Peitzer Stüler Kirche steht ein Funkwecker, der Zeiger rückt unerbittlich vor. KMD Wilfried Wilke beobachtet das genau. Der Countdown für die Jazzwerkstatt Fanfare läuft und auf die Sekunde schlägt der Organist die ersten Töne an. Er lauscht und hört die Antwort vom Kirchturm.

Dort spielen Axel Dörner, Tomasz Dabrowski und Ryan Carniaux Trompete und Flügelhorn sowie Posaunist Gerhard Gschößl, ehe die Antwort vom Festungsturm geblasen wird. Jean-Luc Capozzo, Matthias Schriefl, Paul Schwingenschlögl und Christof Thewes stehen dort oben gedrängt mit dem Kamerateam des RBB, das Aufnahmen für einen Film über die Jazzwerkstatt Peitz 55 dreht. Von der Open-Air-Bühne bringen sich die Bläser Manfred Schoof, Wolter Wierbos, Nils Wogram, Carl Ludwig Hübsch, Herbert Weisrock und Spiritus Rector Matthias Muche sowie Els Vandeweyer (Vibraphon), Paul Lovens und Martin Blume (Drums und Perkussion) ein.

Zwischen Kirche und Festungssturm lauschen Zuhörer gespannt, wie sich eine Zwiesprache entwickelt. Den besten Platz haben alle, die auf der Wiese zwischen Kirche und Festungsturm sitzen oder liegen, zeigt sich beim Rundgang. Jeder nimmt unterschiedliche Eindrücke wahr von dem, was die Musiker in den Äther schicken. Und wenn unerwartet das Signal eines Rettungswagens zu hören ist oder ein Hund bellt - alles fließt ein. „Es gab fünf Elemente, die vorher genau bestimmt waren – deshalb auch die Funkuhren an jedem Standort“, sagt Matthias Muche. Alles Weitere ist für die Kunst der Improvisation offen geblieben. Der Posaunist, Komponist und Medienkünstler hat das Konzept ausgearbeitet, zu dem Wilfried Wilke nach der Jazzwerkstatt im vergangenen Jahr die Anregung gab. Der Kirchenmusikdirektor ist selbst ein Meister der Improvisation auf der Orgel, für deren Aufbau er sich vor Jahren eingesetzt hatte. Am Ende ist die Fanfare gelungen, dieses einmalige Klangerlebnis.

Und nicht nur das – das Gleiche gilt für das ganze Festivalwochenende, das beinahe das letzte in Peitz im Zeichen des Free Jazz und der Improvisation gewesen wäre. Doch Kurator Ulli Blobel hatte die Nachricht, dass auch im nächsten Jahr Fördermittel für den Veranstaltungsort Peitz fließen werden. Veranstaltern muss es gelingen, die Freiräume zu nutzen, die Stiftungen, Kulturfördereinrichtungen, Institutionen und Landeseinrichtungen zur Verfügung stellen, so ein Fazit während der Podiumsdiskussion am Samstagvormittag im Rathaus. Es gelte, die Akteure in den Behörden einzubinden, die Fahne der künstlerischen Spielräume hochzuhalten, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Er leitet daraus eine kämpferische Grundhaltung ab, etwas zu verändern. Immer wieder alles in Frage zu stellen im ästhetischen Bereich, sei wichtig. Dem Jazz misst er dabei eine wichtige Rolle zu – bei der Interaktion von Musikern und Publikum. „In Peitz ist das Publikum nicht nur Konsument. Es ist ,Prosument‘, es arbeitet interaktiv mit“, sagt er. Und so komme es zu einem Heimatbegriff anderer Sichtweise. „Heimat ist auch Free Jazz“, sagt er mit dem Verweis auf den Veranstaltungsort.

Wie Musiker und Publikum interagieren und es dann zu einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis kommen kann, hat sich am ersten Festivalabend beim Globe Unity Orchestra unter der Leitung von Alexander von Schlippenbach gezeigt. Die treibenden Kräfte auf der Bühne in der Stüler Kirche lassen sich tragen von einem Publikum, das zum Koproduzenten wird, wie es Krüger formuliert. Ein geniales Erlebnis für beide Seiten.

Musikalisch brillant, routiniert, aber am Ende doch nicht so inspirierend der zweite Abend im ausverkauften Haus mit Reunion of The Art Ensemble of Chicago mit Roscoe Mitchell und Famoudou Don Moye. Um diese beiden Ankerplätze fügen sich unerwartete und entspannende Momente mit 18 Acts, an denen mehr als 50 Musiker beteiligt sind, zu einem Ganzen. Manches ist selbst für Veranstalter Ulli Blobel überraschend über die Bühne gegangen. Backstage verabredeten Vesna Pisarovic und Jon Irabagon spontan, dass der Saxofonist bei Petit Standard eine Gastrolle gibt, die für einen besonderen Kick sorgt. Das neue, progressive Projekt der kroatischen Sängerin ist wie das Konzert des Barry Altschul Trios und von The Art Ensemble of Chicago vom RBB Kulturradio aufgezeichnet worden. Geradezu hingerissen sind Zuhörer vom feinfühligen Zusammenspiel der Pianistin Julie Sassoon mit dem Schlagzeuger Willi Kellers nach der Podiumsdiskussion im Rathaus. „Nicht nur die musikalische Qualität des Festivals überzeugt, auch die Dramaturgie stimmt“, sagt Bert Noglik, Jazzjournalist, Musikkritiker und ehemals langjähriger künstlerischer Leiter der Leipziger Jazztage und des Jazzfestes Berlin.

Die Kunst der Improvisation zeigen im Jazzgottesdienst mit Pfarrer Kurt Malk dann noch einmal Wilfried Wilke und Matthias Muche. Der evangelischen Gemeinde ist zu danken, dass in der Stüler Kirche auch in diesem Jahr wieder Konzerte stattfinden konnten – ausgestaltet mit Jazzplakaten, die Peitzer Schüler gestaltet hatten. Organisatorische Unterstützung gab wieder die Stadt Peitz. „Bewährt hat sich in diesem Jahr die kleine Open-Air-Bühne“, sagt Ulli Blobel. Gäste waren diesmal dem ganzen Land von Flensburg bis Weill am Rhein, von Schwerin über Berlin bis Thüringen angereist.

Auf der Homepage jazzwerkstatt.eu sind alle Musiker aufgeführt, die bei der Jazzwerkstatt Peitz 55 dabei waren. Dort gibt es auch weitere aktuelle Termine. Die Jazzwerkstatt Peitz Nr. 56 wird vom 21. bis 23. Juni 2019 stattfinden, widmet sich dem Chicago Blues und den Verbindungslinien zum Jazz.