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| 17:06 Uhr

Cottbus
Blonder Vamp und Berliner Göre

 Die Solistin Isabel Dörfler begeistert am Sonntagabend im Großen Haus des Cottbuser Staatstheaters.
Die Solistin Isabel Dörfler begeistert am Sonntagabend im Großen Haus des Cottbuser Staatstheaters. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Isabel Dörfler wird von den Zuschauern im Staatstheater Cottbus mit Liedern zwischen Berlin und Hollywood gefeiert.

Das war besser als Fußball. Das Publikum im Cottbuser Staatstheater erlebte am Sonntagabend eine grandiose Vorstellung, die zu Recht mit Bravos und viel Beifall bedacht wurde. Für die Leistung der deutschen Mannschaft in Moskau  konnte  man beides stecken lassen.

Isabel Dörfler, die hier bereits als Nora Desmond in „Sunset Boulevard“ viele Fans gewann, begeisterte mit Liedern aus den 20er- bis 40er-Jahren in einer oft ganz eigenen, stimmigen, manchmal witzigen, dann wieder unter die Haut gehenden Interpretation, die hinter die Kulissen der Glamourwelt zwischen Berlin und Hollywood blicken ließ. Denn viele der Künstler, deren Lieder bis heute populär sind, erhielten, weil sie Juden waren, Anfang der 30er-Jahre Berufsverbot, wurden verfolgt und mussten ihre Heimat verlassen. Songs zwischen Ruhm und Exil, die bis heute von der künstlerischen Ausdruckskraft ihrer Schöpfer künden. „Das gibt’s nur einmal“, komponiert von Werner Richard Heymann, ist wohl das bekannteste Lied aus dem ersten deutschen Musikfilm „Der Kongress tanzt“.

Isabel Dörfler erzählt, wie dem populären und für die Ufa so wichtigen Heymann angeboten wurde, mit einer Sondergenehmigung weiterarbeiten zu dürfen, er lehnte ab, wenn sie nicht auch für seine Kollegen gelten sollte. Er ging nach Paris, dann nach Hollywood, wo er nach anfänglichen Schwierigkeiten so erfolgreich war, dass er für den Oscar nominiert wurde. „Das gibt’s nur einmal“ wird in diesem Kontext und der Interpretation von Isabel Dörfler zur einfühlsamen Ballade. So hat man es noch nie gehört.

„Und der Haifisch der hat Zähne“ – nicht nur der, wie auch Bertolt Brecht und Kurt Weill, die Schöpfer der Dreigroschenoper, erfahren mussten. Isabel Dörfler singt die berühmte Moritat von Mackie Messer – tausendmal interpretiert – in einer dennoch eigenen, überzeugenden Version. Das gilt auch für „Wie man sich bettet, so liegt man“ aus der Oper „Mahagonny“ von Brecht/Weill. „Ich bewundere den Mut, das Rückgrat, den Stil und die Klasse, mit der diese Künstler immer wieder von vorne angefangen haben“, bekennt die Chansonette.

Mit ihrer wandlungsfähigen Stimme – mal blonder Vamp im Marlene-Dietrich-Song „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“, komponiert von Friedrich Hollaender, mal Musicalstar mit dem Zauberer von Oz kraftvoll und einfühlsam über dem Regenbogen auf der Suche nach dem Land der Träume „Over the Rainbow“– die in Bremen geborene Schauspielerin überzeugt immer. Dabei sind die stimmlichen Voraussetzungen das eine, was ihre Interpretation so besonders macht, ist der intelligenter Umgang mit den Texten. So klingt vieles neu, obwohl die Lieder bekannt sind, zum Teil durch Sänger wie Liza Minelli, Frank Sinatra, Nat King Cole oder Barbra Streisand zu Welthits wurden. „Smile“, die von Charlie Chaplin für seinen Film „Moderne Zeiten“ komponierte Melodie, erhielt erst 1954 ihren Text und steht doch exemplarisch für jene Generation Emigranten, die die Hoffnung nie aufgaben. Schließlich wurde auch Chaplin Emigrant, politisch verfolgt von McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe, kehrte er den USA den Rücken. Verfolgung, Vertreibung, das hört irgendwie nie auf.

Mit der Aufforderung, „nicht immer nach dem Tangogeiger hinzugucken“ (Hollaender) beweist sie ihr kabarettistisches Talent und das der Chansonsängerin unter anderem mit Edith Piafs Lied über die rosarote Brille Liebender „La vie en rose“.

Was auf der Bühne so leicht wirkt, ist Ausdruck höchster Präzision und künstlerischen Einfühlungsvermögens. Das gilt auch für ihren Pianisten Professor Harald Lierhammer. Mit vier Jahren erlernte er das Klavierspiel. Seitdem bewegt er sich als Grenzgänger zwischen traditioneller und populärer Musik. 2003 folgte er einem Ruf als Professor für schulpraktisches Klavierspiel an die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, wo er einst selbst studierte.

Auch der Violinist Florentin Chiran erweist sich als kongenialer Partner.

Was für ein wundervoller Abend, an dem das Publikum noch mehrere Zugaben erklatschte. Da war in Moskau schon lange abgepfiffen.