Von neun Ausstellungen im ablaufenden Jahr waren fünf der Fotografie gewidmet. Zu der quantitativ umfangreichsten Bestandserweiterung der Sammlung gehört der Nachlass des früh verstorbenen, gebürtigen Cottbuser Fotografen Michael Schade. Eine Schenkung der Erben, initiiert durch die Direktorin des Hauses, Ulrike Kremeier. Die gegenwärtige Ausstellung gibt Einblicke in den Nachlass.

Ungewöhnlich ist diese fotografische Weltreise. Wo ist man eigentlich? Die Bilder verraten es selten.

Ein junger Cottbuser sehnte sich in den achtziger Jahren nach einer Stadt, nach einem Ort, durch den man endlos gehen konnte, ohne jemals wieder an gleicher Stelle anzukommen - ein Traum, der die eingeschlossene Welt des realexistierenden Sozialismus reflektierte. Der politische Umbruch kam, die Reise begann. Die Stadt, die der damals dreißigjährige Fotograf suchte, fand er in Los Angeles, einem Ort, "der nur aus Autobahnen und Kleingartensiedlungen zu bestehen schien . . . Das vermittelt das Gefühl, nicht wirklich sesshaft zu sein". Oder birgt der nun Wirklichkeit gewordene Traum die ganz persönliche Erkenntnis, nicht sesshaft werden zu wollen, zu können?

Michael Schades Fotografien gewähren einen Einblick in die zeitlichen und räumlichen Augenblicke dieser Weltreise. Sie dokumentieren keine Orte, keine von Touristenkameras verschlissenen "schönen" Ansichten. Sie sind vielmehr Dokumente der Suche, letztlich immer zu sich selbst, einer Suche, die Hoffnung und Resignation einschließt, einen "Weg zu finden, dem Nichtexistierenden am Nächsten zu kommen". Michael Schade zitiert mit diesen Worten das Credo eines amerikanischen Fotografen.

Keine seiner Fotografien mit den kühn kippenden Kanten und Flächen bleibt ohne Frage an den Betrachter, gerade bei den scheinbar belanglosen Motiven, sei es ein Stück gerissener Straßenasphalt, eine verwitterte Mauer, ein Hausfragment. Es ist eine Frage nach den Menschen, die dort ihr Leben hatten. Sie finden sich auch immer wieder in Fragmenten von Menschen - Füße am Rand einer Mauer, ein Kopf. Das ist nicht sentimental, sondern mit distanzierender Ironie gemacht.

Seine Porträts, soweit man seine Mensch-Etüden als Porträts bezeichnen kann, sind höchst eigenwillige Aufnahmen. Keiner der Fotografierten schaut direkt in die Kamera. Nehmen sie überhaupt den Fotografierenden wahr? Menschen sind ebenso Entdeckungen im Vorübergehen wie die Dinge, die einen Ort ausmachen. Dabei gelangen Schade schlichtweg geniale Aufnahmen. Da ist jene mit dem Papierflieger, oder jene mit der Frau, die im heftigen Wind den Hut aufzusetzen versucht. Höhepunkt fotografischer Entdeckung und Fixierung ist jene herrlich hintergründige Aufnahme mit dem nur im Schatten sichtbaren Zeitungsleser. Doch dann ist da wieder die Szene mit dem Zeichner auf der Prager Karlsbrücke und seinem Modell, das Schade so fotografiert, dass das Gesicht der offensichtlich schönen jungen Frau nahezu ganz von einem belanglosen Stück Stoff verdeckt wird.



Dieses Motiv taucht noch einmal auf bei Arthur Zalewski, der mit einer beachtenswerten Reise-Kollektion in den "Seitenschiffen" der "Museumsbasilika" des Schalthauses Michael Schades Kollektion begleitet. Zalewski Blick geht weiter. Wo Schade - um beim genannten Motiv zu bleiben - seine Kamera nur auf ein Stück Mauer richtet, holt Zalewski ein ganzes städtisches Panorama als Hintergrund ins Bild.

Letztlich sucht Schade sich existenziell immer wieder selbst im Bild. Er drängt den Betrachter, für sich Gleiches zu tun. Die beunruhigende Substanz seiner Bilder ist in der "Beiläufigkeit" (Kremeier) seiner Motive zu erfahren. Er ist ein Suchender geblieben. Das ist das Fundament seiner künstlerischen Originalität

Zum Thema:
Michael Schade, geboren 1964 in Cottbus, war schon als Schüler ein begeisterter Fotograf. Schon vor seinem 1990 begonnenen Studium der Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst fand er Rat und Unterstützung bei dem Meisterfotografen Arno Fischer. Nach seinem Diplom mit Auszeichnung arbeitete er seit 1999 als freier Fotograf und Buchautor in Berlin und Phnom Penh. 2004 verstarb er in Leipzig. Sein Buch "Irreguläre Tage" wurde in Verbindung mit der Ausstellung neu aufgelegt. Arthur Zalewski wurde 1971 in Polen geboren. 1996 begann er sein Studium an der Leipziger Hochschule. Mit Unterstützung zahlreicher Stipendien, beispielsweise vom deutschen Goethe-Institut in Kiew, entstanden im Ausland ausdrucksstarke Fotoserien. Zalewski lebt in Leipzig.