"Ich träume und fantasiere jetzt noch mehr vor mich hin, jeden Abend, bevor ich einschlafe, und spiele in kindlichen Geschichten immer dieselbe Hauptrolle", erzählte Lindgren als alte Frau ihrer Biografin Margareta Strömstedt. Und ergänzte kokettierend, sie finde es "ja doch ein bisschen peinlich, so kindlich zu sein". Das finden die Leser von bislang mehr als 150 Millionen Lindgren-Büchern in 94 Sprachen überhaupt nicht: Pippi, die "Kinder aus Bullerbü", "Karlsson auf dem Dach", "Ronja Räubertochter" und andere Titelhelden sind beliebt wie eh und je.
"Astrid war eine total unneurotische Person. Zu ihrem Genie gehörte aber auch, dass sie immer unheimlich hart gearbeitet hat", sagt Strömstedt über ihre 20-jährige Freundschaft mit der Autorin. Als sie zum ersten Mal über Lindgren schrieb, war die größte Tragödie im Leben der schon weltberühmten Schriftstellerin noch ein streng gehütetes Geheimnis: 1926 wurde die gerade 19-jährige Astrid von einem wesentlich älteren Mann schwanger, brachte ihren Sohn Lasse heimlich in Kopenhagen zur Welt und ließ ihn dort die ersten drei Jahre seines Lebens bei Pflegeeltern.
Ihre verzweifelte Einfühlung in den kleinen, verlassenen Sohn sei für Lindgren eine genauso wichtige Schreib-Inspiration geworden wie die eigene glückliche Kindheit in Vimmerby, meint Strömstedt. "Deshalb sind ihre Bücher voll von starken Mädchen und von Jungen, die Trost brauchen."
Lena Törnqvist sichtet und ordnet in der Königlichen Bibliothek von Stockholm 75 000 Briefe von Lesern aus aller Welt an Lindgrens berühmt gewordene Stockholmer Adresse Dalagatan 46: "Es ist unglaublich, wie zum Beispiel ein chinesischer Zöllner ihr auf Englisch schreibt, dass er beim Vorlesen von Pippi ein neues Verständnis von Kindererziehung gefunden hat."
Törnqvist ist ein bisschen verwundert, dass der 100. Geburtstag in Schweden zwar aufwendig, aber "irgendwie überhaupt nicht gemeinsam" gefeiert wird. Für den 100. Todestag des Dramatikers Henrik Ibsen (1828-1906) zum Beispiel habe der Staat ein Zigfaches an Geld bereitgestellt. "Es liegt wohl daran, dass Astrid irgendwie noch lebt."
Dieses Gefühl vermittelte im Sommer auch eine Ausstellung im Stockholmer Kulturhaus mit vielen bisher unbekannten Fotos aus dem Privatleben Astrid Lindgrens. Hier war die Autorin unter anderem als selbstbewusst und entschlossen wirkende junge Frau zu sehen. "Sie wirkt zugleich asexuell und bisexuell", sagt ihre Biografin Strömstedt. Lindgren habe sich für ihr Leben wie auch in ihren Büchern für eine totale Ausklammerung von Sexualität entschieden.
In Lindgrens Geburtsort Vimmerby, gut 300 Kilometer südlich von Stockholm, wurde die Schriftstellerin nach ihrem Tod am 28. Januar 2002 neben ihren Eltern begraben. Ein paar Kilometer weiter sind in diesem Sommer mehr als 400 000 Besucher und damit so viele wie nie zuvor zu "Astrids Welt" gepilgert, dem Vergnügungspark mit allen Figuren und Pippis legendärer "Villa Kunterbunt". "Klar, da spielte der 100. Geburtstag wohl die größte Rolle", sagt Verkaufschef Nils Magnus Ahlerup.
Zum runden Geburtstag hat sich in Interviews auch Lindgrens Tochter Karin Nyman zu Wort gemeldet. Die heute 73-Jährige hatte als kleines Kind den Namen Pippi Langstrumpf erfunden und gab mit dem Drängen nach immer neuen Geschichten über das fröhlich revoltierende Super-Mädchen den Ausschlag für das Entstehen des Buches. Dem "Focus" sagte Nyman: "Mutter sprach nie über ihre Probleme, um uns nicht zu belasten. Es wäre sicher besser gewesen, wenn wir öfter gewusst hätten, welche Sorgen sie mit sich herumträgt."