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| 01:03 Uhr

Irdische Heiterkeit und Lebensfreude

Markus Poschner hieß der Dirigent des 2. Philharmonischen Konzertes – diesen Namen sollte man sich merken. Von Irene Constantin

Der junge Kapellmeister gewann 2004 den deutschen Dirigentenpreis; einen der wichtigeren im internationalen Wettbewerbsgeschäft, der die mögliche Zusammenarbeit mit den Generalmusikdirektoren deutscher Musiktheater einschließt. Mit dem langfristigen Ziel, Nachwuchs für die dortigen Leitungsposten zu fördern.
Dass Cottbus an dem 1971 geborenen Münchner Interesse zeigen sollte, erwies sich nach den Konzerten ganz eindeutig.
Schon die Programmauswahl mit Felix Mendelssohn Bartholdys 5., der "Reformationssinfonie", Frank Martins "Jedermann"-Monologen und Richard Strauss' Tondichtung "Tod und Verklärung" versprach einen ungewöhnlichen und zu Reflexion und Nachdenken anregenden Abend.
Die Überraschung war, dass weder Religiosität noch Sünde, Tod, Erlösung oder gar Verklärung übermächtig auf die Zuhörer einströmten, sondern vor allem Freude und Lust an der Musik. Bereits die langsame Einleitung zum Kopfsatz der Mendelssohn-Sinfonie offenbarte, dass sich Markus Poschner und vor allem die Blechbläser des Orchesters bemühten, jeden einzelnen der hymnischen Akkorde zu formen und atmend zu beleben. Der Kontrast des Bläserchorals zu den zarten, fast gläsernen Streichern offenbarte eine der Quellen zu Richard Wagners "Parsifal"-Musik. Immer wieder war dieser Anklang wahrnehmbar. Auch im Verlauf des Satzes ließ sich Markus Poschner nicht vom religionsfeierlichen Anlass des Werkes überwältigen, sondern musizierte romantisch, offen und in einem heiteren Grundgestus.
Mendelssohns Sinfonie war nach ihrer Fertigstellung 1830 von verschiedenen Orchestern als "zu gelehrt" und "zu wenig melodiös" abgelehnt worden. Markus Poschner arbeitete gerade dagegen an. Der zweite Satz, ein Mittelding zwischen Marsch und Tanz, hatte etwas innig Heiteres, mehr irdische Heiterkeit und Lebensfreude als religiöse Zerknirschung. Allenfalls könnte man ihren Ausdrucksgehalt als Gottvertrauen umschreiben. Der dritte Satz wird im Programmheft als Klagegesang interpretiert. Zu hören war eher die melodiesatte Gebetsszene einer Oper mit deutlich unterscheidbaren rezitativischen und Strophen-Teilen. Auf dem Luther-Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" basiert der Schlusssatz der Sinfonie. Unter Poschners Leitung geriet er zu einer viel mehr schwungvollen als bedeutungsschweren Apotheose protestantischer Frömmigkeit.
Viel herzlicher Beifall belohnte schon nach dieser Sinfonie Orchester und Dirigenten. Mit dem zweiten Werk triumphierte vor allem der Bariton Volker Maria Rabe. Er sang die selten aufgeführten sechs Monologe des Jedermann, die der Schweizer Komponist Frank Martin in den frühen 40er-Jahren schrieb. Er zeichnet den Erkenntnisweg des reichen Jedermann nach. Besonders den letzten Schritt, Vertrauen in die göttliche Gnade zu finden, gestaltete Volker Maria Rabe äußerst anrührend.
Weniger heikel im Umgang mit kitschgefährdeten musikalischen Figuren ist Richard Strauss. In seiner frühen Tondichtung "Tod und Verklärung" rührt er kräftig in den Gefühlen des Publikums. Nicht weniger als Fieber geschüttelte Glieder, schwerer Schlaf, idyllische Kindheitsträume, grässlicher Schmerz, Tod und das Ideal der Kunst werden für das Programm des Werkes bemüht. Strauss verstand es wie kein anderer, solche nicht-musikalischen Realia in farbglühende Musik zu gießen. Markus Poschner polierte auch mit Genuss und Können jeden einzelnen Glitzerstein der Partitur. In diesem Werk, dessen Programm besagt, dass das künstlerische Ideal so hoch steht, dass es für einen lebenden Menschen unerreichbar ist, bewies Poschner seinen Sinn für die großräumige Steigerung und Entwicklung. Systematisch arbeitet er sich durch Schmerzen , Krisen und idyllische Partien zur Apotheose des gewaltigen Schlusses empor. Ungetrübt leuchteten die mächtigen Akkorde aus dem orchestralen Kosmos hervor. Das Publikum dankte begeistert.