Thomas Paul Schepansky, 1971 in Lünen (Nordrhein-Westfalen) geboren, Musik- und Familientherapeut in Holzminden (Niedersachsen), ist zum 23. Mal beim Cottbuser Satirefestival „Ei(n)fälle“ dabei, zunächst als Teilnehmer und in den vergangenen Jahren als Moderator und Vorsitzender des „Ei(n)fälle“-Fördervereins. Das 24. Festival wird am Donnerstagabend im Großen Haus des Staatstheaters eröffnet.

Herr Schepansky, ein Blick zurück: Was hat es für eine Entwicklung gegeben in diesen mehr als 20 Jahren?

Schepansky Das Festival ist immer mehr expandiert. Es war von Anfang an super gut organisiert, Festival-Chef Andreas Gaber hat da ein Händchen und auch ein Super-Team, das ihn unterstützt. Die Bühnen sind professioneller geworden. Anfangs lief’s ja in der Bühne acht und in der Mensa, dann ist das Lehrgebäude 9 dazugekommen, später das Staatstheater und das Konservatorium.

Geblieben ist ein wesentliches Merkmal des Cottbuser Festivals. Es gibt keinen Wettbewerb, keine Preise.

Schepansky Das finde ich auch so super. Dass dann eben Networking passiert, wo man sich gegenseitig einlädt oder sich Tipps gibt, über die Programme diskutiert: Hör mal, ich hab da mit einem Regisseur zusammengearbeitet, ich geb dir mal die Nummer. Oder man fragt, darf ich dein Lied in meinem nächsten Programm verwenden. Es gibt viele Zusammenschlüsse. Wenn ich an mich selber denke und an Volker Suhrmann, der sich um 1999/2000 mit einem Soloprogramm beworben hatte. Andreas Gaber meinte, das könnten wir doch ein bisschen auflockern – es ging um das Thema Selbstmord – ob da nicht vielleicht ein paar schöne böse Lieder von mir reinpassen würden. Wir hatten damals hier unseren ersten Auftritt  und dann daraus ein Duo-Projekt gemacht, das ein paar Jahre lief. Oder die Zusammenarbeit zwischen den Hengstmann Brüdern und den Cat-stairs. Oder Tilmann Lucke, der hier Martin Valenske kennengelernt hat und jetzt in Berlin an der Distel jeden Monat „Frisch gepresst“ aufführt. Da passiert ganz ganz viel an Zusammenarbeit.

Ein Wort zum Publikum?

Schepansky Ich finde es toll, wie es sich gehalten hat. Es sind ja viele, die immer wiederkommen. Ein bisschen schade ist, dass das studentische Publikum ein bisschen hinten runtergefallen ist, anfangs waren deutlich mehr Studenten dabei. Wir versuchen sie, mit Veranstaltungen wie dem Science Slam, dem Poetry Slam oder dem Lesebühnen Brunch zu kriegen. Deshalb gab’s auch die Namensänderung vom Kabarett-Treffen zum Satirefestival. Es ist ja nicht nur Kabarett, es geht darum, auch andere Kunstformen mit reinzubringen: Ausstellungen, Kurzfilmnacht, Lesebühne, andere Comedyformen. Daher ist es besser, alles unter dem Satire-Begiff zu fassen, zumal der Begriff Kabarett ja leider ein bisschen verstaubt ist – gerade bei den Studenten.

Aber das Festival war doch schon immer offen für alle möglichen Formen.

Schepansky Genau. Es sind viele verschiedene Formate ausprobiert worden. Es gab Workshops im Rahmen des Festivals: Rainer Otto war dabei, Richard Rogler, Peter Ensikat, Gisela Oechelhaeuser – das war alles sehr spannend. Oder dass dem Kabarettkurs der Deutschen SchülerAkademie ein Forum geboten und so auch Nachwuchs generiert wird.

Da sind ja in diesem Jahr auch ehemalige Kabarettkurs-Teilnehmer wieder da.

Schepansky Ja, eben: Christine Zeides, die jetzt in Berlin studiert, die hat im vergangenen Jahr beim Science Slam den „Faust“ in zehn Minuten dargestellt und ist diesmal bei der Eröffnungsgala. Oder Jonas Galm, der beim Lesebühnenbrunch mitmacht. Und das finde ich auch immer wieder toll, dass neue Kabarettisten dazukommen. Gerade weil das Studium ja immer weniger mit Bildung, sondern hauptsächlich mit Ausbildung zu tun hat, wo man  verschult, in Modulen und sehr kompakt  studieren muss – dass da trotzdem noch Zeit bleibt, kabarettistisch oder satiremäßig unterwegs zu sein und sich hier bei diesem Festival zu bewerben, finde ich sehr schön.

Noch mal zurück zum Begriff Kabarett, der ein wenig verstaubt ist. Hat sich in den Darstellungsformen was verändert – weg vom klassischen politischen Kabarett, wie es etwa die Magdeburger Hengstmann Brüder praktizieren und jahrelang in Cottbus auf die Bühne gebracht haben?

Schepansky Sicher, die Gags müssen schneller kommen: ein Satz, ein Gag, ein Satz ein Gag. Aber ich glaube, das ändert sich gerade wieder mit der zunehmenden Politisierung oder mit dem zunehmenden Gefühl, dass die Kunstform Kabarett jetzt wieder dringend notwendig ist: Um auch wieder Stellung zu beziehen. Zum Beispiel die Cat-stairs aus Burg bei Magdeburg: Die bringen ein sehr gut recherchiertes, mit einer starken Haltung, einer Botschaft versehenes Programm auf die Bühne, das ist manchmal echt schwere Kost. Ich glaube, das ist etwas, was das Publikum auch lernen muss. Oder mein Kollege und Freund Ingo Börchers, der sich selber sagt, dass sich Kabarett gerade sehr stark verändert. Dass es eben nicht mehr nur die Schenkelklopfer sind, immer nur auf Pointe geschrieben, sondern dass es manchmal wirklich so eine Art Vortrag ist, wo es darum geht, politische Bildung rüberzubringen, Haltung zu zeigen und Haltung zu erzeugen. Da  hat sich in der letzten Zeit einiges geändert mit zunehmender Veränderung der Welt in Bezug auf Themen wie Pegida, Trump, AfD und den Sozialen Medien, wo die Leute immer weniger auf ihre Sprache achten, sich gegenseitig fertigmachen ... Ich denke, in diesen Zeiten ist es einfach wichtig, dass Kabarett da klar Stellung bezieht. Viele Formen sind nach wie vor total aktuell und können auch immer wieder neu erfunden werden, wenn ich mir allein Liedformen angucke, die man immer wunderbar mit ins 21. Jahrhundert nehmen kann – auch  wenn  Kabarett schon mehr als  100 Jahre alt ist.

Das Publikum muss auch lernen? Waren Kabarettisten und Publikum sich nicht immer  weitgehend einig?

Schepansky Ja, das ist so was Selbstreferenzielles. Wie hat Richard Rogler immer gesagt: Das ist eine Konsens-Kunst. Aber dadurch, dass sich die Gesellschaft stärker  polarisiert, ist es schon so, dass man, wenn man Stellung bezieht, nicht unbedingt immer auf Gegenliebe stößt. Oder alle mitnimmt.

Fast 30 Jahre nach der Wende  sind Ost und West ja immer noch ziemlich verschieden, also nicht so richtig vereinigt. Lacht man eigentlich im Osten, speziell in der Lausitz, anders?

Schepansky Ich glaube schon, dass Kabarett im Osten eine ganz wichtige Ventilfunktion gehabt hat. Dass das Publikum da viel mehr zwischen den Zeilen gehört und Doppelbödigkeiten schneller erkannt hat und da ein bisschen geübter war. Ich denke, das hat sich mittlerweile etwas verändert, dadurch, dass einfach auch viele jüngere Leute im Publikum sind. Was man für Cottbus auf jeden Fall sagen kann, ist, dass das Publikum sehr, sehr wach ist. Und in Bezug auf das Festival auch experimentierfreudig. Es kann sich einlassen darauf, dass es auch unterschiedliche Niveaus gibt – von Studi-Kabaretts, die ihr allererstes Programm auf die Bühne bringen bis hin zu Leuten, die vielleicht schon zehn, fünfzehn Jahren im Geschäft sind. Dass da natürlich Unterschiede sind, ist klar, aber das macht das Publikum hier eben gerne mit im Vergleich zu anderen Städte wie Berlin.

Mit Thomas Paul Schepansky
sprach Peter Blochwitz