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| 18:34 Uhr

Interview mit Martin Zingsheim
Wortakrobatik mit Klavierbegleitung

Martin Zingsheim kommt nach Senftenberg.
Martin Zingsheim kommt nach Senftenberg. FOTO: tomas rodriguez
Senftenberg. Ein Senkrechtstarter spricht über die Reduktion aufs Wesentliche und seine kleinen Mitbewohner*innen. Von Heidrun Seidel

Martin Zingsheim ist der nächste Gast der Senftenberger Kabarettreihe. Er gilt als Senkrechtstarter am hart umkämpften Kabarettmarkt und hat sich schnell etabliert auf Bühne, Funk und Fernsehen. Am Montag ist der promovierte Wortakrobat und Pianist zum zweiten Mal zu Gast in der Neuen Bühne Senftenberg. Die RUNDSCHAU erkundigte sich bei ihm, was sein aktuelles Programm „Aber bitte mit ohne“ erwarten lässt.

Auf Ihrer Homepage sagen Sie in einem Film, dass Sie nach guten Auftritten den Abend relativ schnell abhaken können, nach nicht so gut gelaufenen aber auch lange grübeln. Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren ersten Auftritt in Senftenberg im Januar 2016 und wenn ja, welche?

Zingsheim Ich habe selig und glücklich geschlafen. Also nach dem Auftritt natürlich erst. Und das lag nicht an den zwei Gläsern Grauburgunder im Hotel. Insofern muss es wohl ein schöner Abend gewesen sein. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich aufgrund der extrem hohen Anzahl an kompetenten Technikern im Theater geradezu überversorgt war und schon schlechtes Gewissen bekam, da mein Programm ja eigentlich bloß aus mir und einem Mikrofon besteht.

Damals waren Sie mit Ihrem Programm „Kopfkino“ innerhalb der Kabarettreihe der Neuen Bühne zu Gast, diesmal ist es „aber bitte mit ohne“. Mir fällt da zuerst Udo Jürgens‘ „Aber bitte mit Sahne“ ein. Was servieren Sie?

Zingsheim Einen sprachverrückten Abend, der um die Frage, ob nicht weniger tatsächlich am Ende viel mehr wäre, kreist. Nur ganz am Schluss, da geht es – Stichwort Udo Jürgens – doch ganz kurz um den deutschen Schlager, allerdings sehr, sehr anders, als man denkt.

Sie haben von 2005 bis 2010 Musikwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Philosophie in Köln studiert, zur gleichen Zeit als Pianist, Darsteller und Sänger und Komponist gearbeitet. Im RUNDSCHAU-Archiv habe ich gelesen, dass Sie 2008 beim 13. Studentenkabarett-Festival mit zwei Kollegen unter dem Namen „Das Bundeskabarett“ in Cottbus waren. Inzwischen haben Sie auch noch den Doktortitel in der Tasche und touren seit 2011 unermüdlich solo durchs Land. Außerdem haben sie seit 2011 vom „Publikumstroubadour“ über den „Deutschen Kleinkunstpreis“ bis zum „Salzburger Stier“ 17 Kabarettpreise abgeräumt. Wie kriegen Sie das alles in so kur­zer Zeit hin und unter einen Hut?

Zingsheim Respekt, da haben Sie aber ganz schön akribisch recherchiert. Ja, wenn man das so liest, klingt das fast nach ein bisschen Stress. Vielleicht bin ich am Ende genau der Falsche, um über Reduktion aufs Wesentliche zu sprechen. Aber vieles hat sich ganz und gar ohne mein Zutun ergeben. Bühnennesthäkchen damals im Bundeskabarett gewesen zu sein, war ein reiner Glücks- und Zufall für mich, und seien wir mal ehrlich: Kabarettpreise verleiht man sich ja nun mal auch nicht selber. Nur diese verdammte Promotion, eieiei, also die hat echt Arbeit gemacht!

Haben Sie mit ihren 34 Jahren tatsächlich schon vier Kinder? Oder ist das nur Bühnenshow? Wann um Himmels Willen holen Sie sich, wie der Neudeutsche sagt, da neuen Input für Ihre Programme?

Zingsheim Den hole ich mir neudeutsch wie ich bin, genau bei diesen vier Verrückten. Wahrscheinlich habe ich sie mir bloß zu berufshumoristischen Zwecken angeschafft. Nein, im Ernst, beziehungsweise stimmt, die vier Kinder gibt es wirklich.

Zum Glück. Ich bin nicht nur jeden Tag von dieser völlig eigenen Lebensform begeistert, sondern niemand sonst hat meinen Blick auf diese beknackte Welt so sehr verändert wie meine vier kleinen Mitbewohner*innen.

Heute wird oft geklagt, dass Kinder sprachlich verkümmern – ob vorm Fernseher oder an der Playstation. Sie dagegen – immerhin auch zur Fernseh- und Computergeneration zählend – toben sich mit halsbrecherischer Wortakrobatik und sprudelndem Wortwitz atemberaubend aus. Was oder besser wer hat diese sprachlichen Fähigkeiten bei Ihnen befördert? Und halten sich sprachliche und musikalische Fähigkeiten die Waage – oder wer gewinnt?

Zingsheim Da ich immer schon ungern geübt habe, (mein Klavierlehrer sprach stets von „Pfuschen auf hohem Niveau“) bin ich mittlerweile sprachlich sicherlich kompetenter als instrumentalpraktisch, allerdings sind meine rein verbalen Impromptus irgendwie auch immer rhythmisch und komponiert auf ihre eigene Art und Weise. In Sachen neue Medien und Kindererziehung darf ich wohl als hoffnungslos retro bis hoffnungslos antimodern gelten.

Wir leben hier zu Hause tatsächlich ohne Fernseher und Playstation, ohne Dauerberieselung von Unterachtjährigen. Das hat natürlich zur Folge, dass man im Alltag relativ häufig miteinander kommunizieren, spielen, streiten und knuddeln muss, und ich gebe zu: Das ist bekanntlich nicht für jeden was.

Mit Martin Zingsheim
sprach Heidrun Seidel.

Martin Zingsheim ist der vierte Gast der Spielzeit 2017/18 in der Senftenberger Kabarettreihe á la carte am 19. März 2018. Sein Programm beginnt im Saal der Neuen Bühne um 20 Uhr. Karten im Besucherzentrum unter Telefon: 03573 801286 oder unter www.theater-senftenberg.de.