„Stürme“ lautet das diesjährige Spektakel-Motto, mit dem die Neue Bühne Senftenberg ab 29. September in die neue Spielzeit fegt. Intendant Manuel Soubeyrand, der auch für das Sheakes­peare-Stück Regie führt, ließ der RUNDSCHAU schon einmal Spektakelwind um die Nase wehen.

Manuel Soubeyrand, mit Ihrem Motto zum Spielzeit-Auftakt haben Sie die stürmischen Zeiten eingefangen. Wie kamen Sie auf die Idee?

Soubeyrand Wir sind ja mittendrin in den Stürmen: meteorologisch, politisch, wirtschaftlich, menschlich. Die pusten sogar frischen Wind in die Fußballnationalmannschaft. Als wir voriges Jahr aus dem Urlaub kamen, waren wir voller Sorge wegen der nuklearen Drohgebärden aus Korea. Und ich habe zu den Dramaturgen gesagt: „Wollen wir wirklich ein Märchen auf die Bühne bringen – und uns droht vielleicht eine atomare Auseinandersetzung?“ Eine Dramaturgin entgegnete: Vielleicht sei es ja gerade gut, dass wir uns allen ein emotionales Durchatmen gönnen. Im Moment der Verzauberung oder des Humors entschleunigen wir uns nicht nur in diesem immer schneller werdenden gesellschaftspolitischen Wahnsinn. Wir brauchen den Moment des Innehaltens, um geistig und körperlich wieder Kräfte zu sammeln. Und so halten wir daran fest, mit Shakespeare zu fabulieren. Zumal in der Senftenberger Region Märchen eine starke Anziehungskraft besitzen. Und da kommen wir mit Shakespeare, dem Zauberer und seinen Geistern gerade recht.

Worauf muss man sich bei diesem „Sturm“, der über Senftenberg hereinbricht, gefasst machen?

Soubeyrand Es ist ein dreigeteilter Abend: Vor dem Sturm. Der Sturm. Nach dem Sturm. (Den Intendanten hält es nicht auf dem Platz. Im Theaterhof entwirft er den künftigen Hafen): Hier wird eine spanische Karavelle gebaut, hissen wir Segel, werden die Matrosen angeheuert...

Werden wir Zuschauer womöglich auch auf Seetauglichkeit geprüft?

Soubeyrand Schon. Aber niemand braucht Angst zu haben, dass er das Heuerbuch nicht erwerben kann. Jeder Zuschauer muss eine seemännische Tätigkeit nachweisen. Es wird aber nicht gleich jeder Segel setzen. Es sind Tätigkeiten dabei, die sogar ich kann. Ein maritimer Spaß zur Einstimmung.(Theaterfotograf Steffen Rasche ermutigt bei dieser Gelegenheit mit dem Bekenntnis, dass er es während seiner Armeezeit zum Leichtmatrosen gebracht hat).

Mischt sich der Intendant als Kapitän unter die Seeleute?

Soubeyrand Eher als Fischer. Da fühle ich mich in guter Gesellschaft, wenn ich an Paulus denke, den Menschenfischer. Kapitän wäre mir zu streng. Der Regisseur Frank Düwel wird gemeinsam mit Bühnenbildner Andreas Walkows im Prolog das Gefühl eines archetypischen Hafens erzeugen, der schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn voller bunten Treibens ist und alle auf den Sturm vorbereitet.

Und wo tobt denn nun „Der Sturm“?

Soubeyrand, der die Regiefäden zu Shakespeares Stück übernommen hat, führt mich zu den Orten, wo der Wind bläst und die Zuschauer stranden werden. Die Luft in der Probebühne 3 ist erfüllt von Liebesdüften. Ein Berg aus Kork türmt sich in der Studiobühne auf, wo nicht nur Luftgeist Ariel, sondern auch Trinker zu Hause sind. Und dann rollt die Welle auf der Hauptbühne förmlich auf uns zu. Eine unheildrohende Welt der Intrige tut sich auf. Die Inselwelten des Zauberers Prospero...

Wie ist er selbst dorthin gelangt?

Soubeyrand Der Herzog von Mailand Prospero wurde von seinem Bruder vor Jahren weggeputscht. Er sollte umgebracht werden, kann sich aber mit seiner kleinen Tochter Miranda auf eine Insel retten, wo ihm magische Kräfte zuwachsen und er auf Rache sinnt. Als eines Tages ein Schiff mit seinem hinterhältigen Bruder vorbeikommt, befiehlt er seinem dienstbaren Luftgeist Ariel, einen fürchterlichen Sturm zu entfachen, in dem das Schiff untergeht. Heute würde man sagen: Es handelt sich um einen Fake-Sturm, der nur dazu dient, die Schiffbrüchigen auf verschiedene Orte von Prosperos Insel zu verteilen. Hier werden auch die Zuschauer an Land gespült. Keine Sorge: Sie müssen nicht durchs Wasser gehen. Sie werden sich auf einem Teil dieser Insel des Zauberers wiederfinden und dort die Geschichte erleben zwischen den Menschen, die sich lieben oder eine Intrige spinnen, oder bei den Trinkern, die zusammen mit den Ureinwohnern der Insel einiges aushecken. Geister und Luftgesichte wird man treffen. Und danach finden alle wieder im großen Zuschauersaal zusammen und erleben gemeinsam die Auflösung der Sturmgeschichte. Im Nachspiel spinnt Jan Mixsa satyrisch die Biografie der Helden bis in die Gegenwart weiter. Diesmal ohne Puppen.

Was fasziniert Sie an dem mehr als 400 Jahre alten Shakes­peare-Stück?

Soubeyrand Es ist einfach schönes Theater. Pralle Figuren, die so Sätze sagen wie: „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben ist von einem großen Schlaf umringt.“ Mein Lieblingszitat, das auch im Spielzeitheft auftaucht. Schön, dabei noch einmal der alten Sprache zu begegnen. Das Gute für mich als Regisseur war, ich musste kaum streichen.

Da haben Sie schon Erfahrungen mit Shakespeares sämtlichen Werken ungekürzt. Ich erinnere mich an eine sehr humorvolle Vorstellung.

Soubeyrand Auch diesmal wird hoffentlich Heiterkeit aufkommen. Und obwohl wir kaum gekürzt haben, wird der Abend nicht so lang sein wie in den vergangenen Jahren. Gegen 23 Uhr soll er mit Jan Mixsas Nachspiel zu Ende gehen.

Wird also diesmal nicht gesungen?

Soubeyrand Doch, doch. Mal sehen, in welcher Stimmung ich bin: Die Seeräuberballade würde ja passen.

Der ,,Sturm“ gehört zu den Dramen, deren schwer darstellbare Symbolik Goethe aussprechen ließ, Shakespeare lasse sich besser lesen als aufführen. Wie umschiffen Sie das Problem?

Soubeyrand Ich wusste es nicht, also hat es mich nicht belastet. Für unser Spektakel eignet es sich extrem gut. Da ist auch die Form treibende Kraft. Und dann gehst du auf Entdeckungsreise und findest diese Sätze: „Wir sind nur alle kurze Gäste auf der Erde...“ Das ist das, was ich an Shakespeare liebe, dass du ab und an so geerdet wirst. Wenn das alle Mächtigen zeitgleich beherzigen würden, hätten wir vielleicht eine friedlichere Welt. Von Benno Besson ist überliefert: Er wollte kein Theater machen, wo die Leute nach Hause kommen und sagen: Die Welt ist ja noch schlimmer, als wir gedacht haben. Sie sollen aus dem Theater kommen und sagen: Es lohnt sich, sie noch lebenswerter zu gestalten. Das ist sehr politisch, finde ich. Auch mich treibt um, welche Welt ich meinen beiden Kindern hinterlasse. Das geht doch nicht ohne Hoffnung.

Benno Besson hat ja deutlich gezeigt: Märchen können für gesellschaftliche Böen sorgen.

Soubeyrand Ja, denken wir an „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz. Mein Ziehvater Wolf Biermann hat immer gern von diesem legendären Kapitel der deutschen Theatergeschichte erzählt. Benno Bessons Bearbeitung des Politmärchens 1965 gilt als die erfolgreichste Inszenierung des Deutschen Theaters nach dem Krieg. Wolf Biermann hatte drei Lieder dafür geschrieben. Eigentlich sollte er sie auf der Bühne singen. Aber mit dem frechen Liedermacher wäre der ganze „Drache“ nicht herausgekommen. Für mich ist Bessons Fassung eine bleibende Erinnerung. Ich war acht Jahre alt und habe das Stück bestimmt zehn Mal gesehen. Weil damals niemand in der Märchenwelt lebte, mit Ulbricht an der Spitze, haben die Leute genau verstanden, was mit dem Märchen gemeint war. So war es eine sehr politische Aufführung, die nie als tagespolitische Inszenierung herausgekommen wäre. Ich denke, es gibt immer noch viele Zuschauer, die gerne träumen von anderen Welten und anderen Zeiten. Eine Sehnsucht, die man sich im Theater erfüllen kann.

Dafür steht auch die neue Spielzeit. Die Freiluft-Saison am Senftenberger See hat für ordentlichen Fahrtwind gesorgt. Es war die erfolgreichste seit Bestehen des Amphitheaters der Neuen Bühne.

Soubeyrand In der Tat haben Andreas Stanicki, der den Spielplan am Senftenberger See in erstaunlicher Bandbreite aufgestellt und verwirklicht hat, mit allen Amphi-Mitarbeitern uns eine super Saison beschert und wieder einmal unter Beweis gestellt: Das Amphitheater ist die Spielstätte, in die wir besonders viele Zuschauer locken können. Aber ein Theater hat eine lachende und eine weinende Maske. Ich hoffe, dass die Menschen in der Region damit nicht ihr Budget für Kultur bereits verbraucht haben.

Gelangt die Neue Bühne nach sechs Wochen Spektakel in ruhiges Fahrwasser, oder welchen Stürmen wird noch zu trotzen sein?

Soubeyrand Sie werden verstehen, dass ich der Stadt, der Region und mir nicht so viel Unruhe wünsche wie am Staatstheater Cottbus. An der Neuen Bühne wird wieder der ganz normale Theateralltag einziehen, mit sehr guten, berührenden, spannenden Stücken, wie ich finde. Zum Beispiel „Schöne neue Welt“ nach Aldous Huxley. Das ist mindestens so aufregend wie Orwells „1984“, das in dieser Spielzeit in Cottbus auf die Bühne kommt. Kulturpolitisch sind für uns ganz wichtige Weichen gestellt. Wir sind Mitglied im Theater- und Konzertverbund geworden. Seitens des Brandenburgischen Kulturministeriums haben wir den Status Landesbühne bekommen. Damit sind die ganzen Diskussionen um eine mögliche Fusion mit dem Staatstheater vom Tisch. Ich freue mich, dass zur Hälfte meiner Amtszeit als Intendant diese Gespenster verjagt wurden und die Segel für uns klar gesetzt sind: Wir machen Theater für den Süden Brandenburgs. Das bedeutet, ringsum bespielbare Orte zu finden und ein Repertoire, das dahin passt. Nach Jahrzehnten des Abbaus gibt es jetzt eine Trendumkehr: Wir können vier Stellen neu besetzen. Das ist ermutigend. Und doch vergessen wir dabei nicht: Wir spielen Theater in stürmischen Zeiten.

Mit Manuel Soubeyrand
sprach Ida Kretzschmar

Premiere „Der Sturm“ ist am 29. September um 19 Uhr. Die Spektakel beginnen an den Freitagen um 19 Uhr, an den Samstagsterminen um 18 Uhr. Die Termine lauten wie folgt: 6./12./13./20./26./27. Oktober und 2./3./10. November. Karten gibt es an der Theaterkasse im Besucherzentrum, unter Tel.: 03573 801286, unter: www.theater-senftenberg.de oder an der Abendkasse