Jürgen von der Lippe alias Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp (70) ist einer der bekanntesten deutschen Unterhaltungskünstler. Der Komiker und TV-Moderator mit einer Vorliebe für Hawaiihemden wurde mit den wichtigsten Fernsehpreisen ausgezeichnet. Heute ist er kaum noch im TV zu sehen, weil er „diese Mechanismen“ nicht mehr erträgt. Stattdessen geht von der Lippe regelmäßig auf Theatertour oder schreibt Bücher wie „Nudel im Wind“. Die RUNDSCHAU sprach mit dem Künstler, der am Donnerstag in der Stadthalle Cottbus und am Freitag in der Lausitzhalle Hoyerswerda mit seinem Programm „Voll Fett“ gastiert.

Herr von der Lippe, am Anfang von „Nudel im Wind“ heißt es, dass Sie sich zu Hause fühlen „in der Psyche der Sanftmütigen, Unscheinbaren mit ihren kleinen, liebenswerten Macken“. Ist damit die Fernsehbranche gemeint?

Von der Lippe Man darf mich nicht bei jeder Wendung fragen, wie ich darauf gekommen bin. Textproduktion ist ein Mysterium, und die Rezeptionsmöglichkeiten sind vielfältig. Ich wollte einfach einen einigermaßen originellen Anfang schreiben. Mehr ist es nicht.

Ihr Protagonist Justus Lenz ist ein Ex-Zuhälter mit „goldenem Herzen“. Gibt es für ihn ein Vorbild?

Von der Lippe Ich kenne relativ wenige Zuhälter. Unter anderem wegen dieser Figur bezeichne ich mein Buch als Medienkrimigroteske. Vieles ist stark überzeichnet. Eine Satire hingegen will etwas anprangern, das will ich nicht. Meine Sympathien sind beim Personal der TV-Schaffenden verteilt. Ich habe das Ganze im Fernsehen spielen lassen, weil ich mich da einigermaßen auskenne.

Wie haben Sie sich in die weiblichen Charaktere hineinversetzt – zum Beispiel in die blitzgescheite, attraktive Visagistin Lisa Haiter, die Psychologie und Theaterwissenschaften studiert hat?

Von der Lippe Sie ist wahnsinnig attraktiv, aber das reicht ja nicht als Beschreibung eines Menschen. Deswegen habe ich ihr ein paar Attribute zugeordnet, die man nicht vermuten würde. Das macht den Reiz dieser Figur aus; vor allen Dingen, weil sie den erfolgreichen TV-Produzenten Hermjo Benek-Söderbaum auf Granit beißen lässt, der das Zerrbild eines Machos ist.

Ihre Frau wollte den sexuellen Spielraum der weiblichen Hauptfigur einengen. Hat sie sich wirklich ins Schreiben eingemischt?

Von der Lippe Das ist nicht meine Frau, so wie ich das auch nicht bin! Wir sind zwei Romanfiguren einer zweiten Ebene. Ich fand es witzig, dass eine Frau versucht, massiv Einfluss zu nehmen. Ich habe sie ein bisschen konservativ sein lassen, aber diese Figur hat mit meiner realen Frau nichts zu tun. Natürlich steckt in vielen meiner Geschichten etwas von mir drin, aber das sind in erster Linie meine Interessensgebiete. Ich habe zum Beispiel Boxen und Kampfsport gelernt, ich koche gerne und habe Spaß an Wortspielen.

Hätte Ihre Idee der „Speckweg-Show“ mit Schachboxspektakel in der realen Fernsehwelt eine Chance auf Umsetzung?

Von der Lippe Nein, sie wäre viel zu teuer. Da habe ich mir einfach eine Sendung zusammengeträumt, die ich persönlich schön fände. Das ist wie ein Western, bei dem aus einem Sechsschüsser 120 Kugeln abgefeuert werden.

Es gibt Casting-Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Kandidaten mit den unterschiedlichsten Profilen für TV-Shows zu suchen. Geht heute gar nichts mehr ohne Casting?

Von der Lippe  Doch, es geht schon. Es würde sicher genügend Leute geben, die gerne ihr Übergewicht loswerden und gleichzeitig ins Fernsehen wollen.

Steht der Sieger einer TV-Show oftmals von Anfang an fest? Sprich: Kann man es wirklich steuern, wer Publikumsliebling wird?

Von der Lippe In manchen Fällen ist das einfach so. Ich verurteile das nicht, weil es einfach ein konsequenter Gedanke ist. Wenn jemand ein Publikumsliebling ist, dann wollen die Leute, dass diese Person auch gewinnt. Das kann man steuern durch die Auswahl des gezeigten Materials. Beim „Dschungelcamp“ zum Beispiel hat man ja täglich 24 Stunden Material zur Verfügung. Da kann man jeden Teilnehmer sympathischer erscheinen lassen als er wirklich ist. Ich empöre mich nicht darüber, weil es Teil des Business‘ ist.

Das Klischee lautet, beim Fernsehen sind alle zynisch und koksen pausenlos.

Von der Lippe Das schreibe ich auch kurz in meinem Buch. Es gibt aber nicht nur beim Fernsehen Leute, die koksen! Ich habe Schwein, dass mir das Zeug nie angeboten wurde. Konstantin Wecker schrieb vor Jahren, Koks gäbe einem das Gefühl, besser kreativ sein zu können. Um Gottes willen, da wäre ich wahrscheinlich sehr anfällig! Das ist eine große Versuchung für jeden Kreativen.

Was ist Ihre Kreativdroge?

Von der Lippe Meine Antennen sind immer ausgefahren. Dadurch, dass ich mich bemühe, jeden Tag zu schreiben, habe ich wahnsinnig viele angefangene Geschichten. Mein eigentliches Arbeitszimmer kann ich schon gar nicht mehr betreten, weil die Stapel mit Zeitungsausschnitten immer höher werden. Wenn mir mal partout nichts einfällt, gucke ich mir meine angefangenen Texte an. Und irgendwann fällt mir eine Fortsetzung in den Schoß.

Wo gibt es im TV noch „echte Charaktere mit allen Ecken, Kanten und Brüchen“?

Die gibt es überall. Ich gehöre noch zu den Leuten, denen man eine kreative Genieleistung zutraute. Ich hatte mal einen Unterhaltungschef, der sagte: „Ach, Sie wollen ‚Donnerlippchen‘ nicht weitermachen? Das ist aber schade. Dann lassen Sie sich mal was einfallen‘!“ Diesen Satz wird heute niemand mehr hören.

Woran liegt das?

Von der Lippe Heute reden große Runden von Leuten mit, die überhaupt nicht qualifiziert sind. Die weder auf einer Bühne gestanden haben noch besonders komisch sind. Jeder Psychologe weiß, dass Brainstorming Quatsch ist. Was machen sie aber beim Fernsehen? Brainstorming! Die zerreden jeden Einfall. Oder sie gehen auf Nummer sicher und kaufen irgendwo auf der Welt ein erfolgreiches Format ein. Das kann auch funktionieren. Stefan Raab war der letzte Diktator, der seine eigenen Sendungen erfinden durfte. Und er hat verdammt gute gemacht.

Haben Sie die Filmrechte an „Nudel im Wind“ eigentlich schon verkauft?

Von der Lippe  Nein, aber es wäre schon schön, wenn Til Schweiger oder wer auch immer anriefe. Ich habe das Buch sehr filmisch geschrieben.

Können Sie sich nach diesem Buch überhaupt noch bei den Sendern blicken lassen?

Von der Lippe  Haben Sie den Eindruck? Sie sind der zweite, der sowas sagt. Der erste war mein Lektor. Er wunderte sich, dass ich so hart sein kann.

Ihr Personal verzichtet nicht auf Zynismus.

Von der Lippe Ja gut, aber so eine Figur spielt ja in einem Ensemble eine Rolle. In der Regel ist ein Redakteur einfach keine Hilfe. Die haben ja alle Angst. Wir stehen auf unterschiedlichen Seiten der Barrikaden. Wir Kreativen wollen etwas machen, und die Redakteure wollen sich gegenüber dem Sender absichern. Entweder heißt es: „Das ist zu teuer“ oder „Das will unser Publikum nicht sehen“. Letzteres ist eine erbärmliche Allzweckwaffe, die mich rasend macht.

Womit trifft man heutzutage den Nerv der Zuschauer?

Von der Lippe Ich weiß es nicht, deswegen muss man ja ausprobieren! Wie viele Überraschungserfolge haben wir? Das, was mir Spaß macht, ist möglicherweise nicht mehr der Mainstream. Christian Ulmen und Fahri Yardim haben sich mit „Jerks“ wirklich was getraut. Da werden alle Tabus gebrochen. Ich habe den Comedien Maxi Gstettenbauer gefragt, ob seine Szene bei „Jerks“ wirklich improvisiert war. Maxi erzählte mir, dass sie fünfmal ohne Textvorgabe gespielt wurde. Und daraus hat Ulmen dann die Szene geschnitten. Das ist natürlich super.

Mit Jürgen von der Lippe
sprach Olaf Neumann

Jürgen von der Lippe: „Nudel im Wind“ (Roman), Penguin Verlag, geb., 240 Seiten, 18 Euro, ISBN-13: 978-3328600770. Das Hörbuch ist erschienen bei Random House Audio, ca. 15 Euro, ISBN-13: 978-3837144512.