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Kultmusiker
„Wir wollten keine Tagesschlager“

Günter Fischer
Günter Fischer FOTO: Gunnar Leue
Berlin. Vier Amiga-Alben, die der Musiker zusammen mit Manfred Krug produzierte, werden neu veröffentlicht. Von Gunnar Leue

Die vier Alben, die Manfred Krug und Günther Fischer in den 70ern produzierten, gehören zur besten deutschen Musik jener Zeit. Die RUNDSCHAU sprach mit Fischer aus Anlass des Neuerscheinens in einer Amiga Vinyl-Box.

Herr Fischer, die vier Amiga-Alben, die Sie von 1971 bis 1976 zusammen mit Manfred Krug produzierten, werden jetzt als Vinylbox neu veröffentlicht. Überrascht?

Ich hätte nie gedacht, dass die noch mal erscheinen. In der DDR wurden die Platten nach Krugs Ausreise 1977 ja sogar zerstört. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil sie im Presswerk Babelsberg die Pressmasse brauchten.

Sie selbst haben die Platten nicht mehr angehört?

Nein, ich war beschäftigt mit neuen Aufträgen, außerdem höre ich mir gern die Werke anderer Künstler an. Vor elf, zwölf Jahren lud mich Thomas Putensen jedoch zu seinem Konzert ein, wo er die Lieder mit Orchester und Chor spielte. Die Leute waren begeistert, ich konnte es kaum glauben. Wir hatten die deutschen Lieder früher nie live gespielt, weil Krug stets ein bisschen Bammel hatte, da die nicht so simpel zu singen waren. Deshalb spielten wir meistens nur die internationalen Standards von der LP „Greens“. Außerdem hatte er bei seinen eigenen Texten  schlicht keinen Bock, sie auswendig zu lernen. Dass die Songs heute noch gut ankommen, merkte ich dann in Irland, wo ich seit 20 Jahren lebe. Meine Kinder hatten die Platten entdeckt und den Iren vorgespielt. Die waren total begeistert.

Die Iren haben  Geschmack . . .

Ja, das ist natürlich eine Musik, die total handgemacht war, ohne Elektronik. Man konnte nicht mit den Aufnahmespuren herumexperimentieren und sie an einem Computer zusammenschneiden. Insofern staune ich doch über die durchgängig gute Qualität.

Die Musik  wirkt extrem frisch und in ihrer altmodischen Art trotzdem modern. Welchen Stellenwert haben die Alben für Sie innerhalb ihres umfangreichen Schaffens?

Einen ganz großen, denn sie spiegeln auch eine wichtige Phase für mich. Ich hatte Komposition und Arrangement an der Hans-Eisler-Hochschule studiert und wollte nie Schlager machen, sondern avantgardistisch sein. Jazz und  sinfonische Musik schwebten mir vor. Krug lernte ich in den Sechzigern bei der Klaus-Lenz-Band im Rahmen einer Tournee kennen. Er sagte irgendwann zu mir: Schreib doch mal was für eine Single. Als ich ihm zwei Titel vorspielte, meinte er nur: Du schreibst noch zehn andere Titel und wir machen eine LP, natürlich auf Englisch. Als wir bei Amiga anklopften, bekamen wir zu hören: Krug und der Jazz-Fischer? Um Gottes Willen, kein Mensch wird sich die anhören! Und dann noch in Englisch, nüscht is, versuchen Sie es in Deutsch und dann reden wir weiter. Wir waren natürlich sauer, deutsch – das wollten wir ja nun überhaupt nicht. Die deutsche Sprache gehörte damals allein zum Schlager, zu Leuten wie Heino und Roy Black. Wir wollten uns aber von den Schlagerheinis absetzen.

Das klappte ja dann doch . . .

Im Nachhinein bin ich so froh, dass sie uns gezwungen haben, denn dadurch kann man die Songs heute noch gut anhören. Ehrlich, in Englisch hätten wir doch nichts Ordentliches zustande gebracht.

Diese Mischung aus Jazz und Schlager, der das Elitäre total abging, gab es so in der Tat vorher nicht. Krug hatte auf die Frage nach seinen Vorbildern als Schlagersänger mal gesagt, das seien alles Jazzsänger gewesen.

Wir wollten keine Tagesschlager, sondern uns einreihen in die Musik eines Ray Charles. Das trieb uns richtig an: Wir machen was, das es in dieser Form noch nicht gibt. Und unsere Musik war auch schwer einzuordnen.

Womit Sie ja auch mehr als das klassische Jazzpublikum erreichten.

Wir spielten oft vor Tausenden Leuten.

Haben Sie sich als kongeniales Duo empfunden?

Schon, aber wir gingen auch sehr kritisch miteinander um. Ich habe Krug manchmal kritisiert, weil ich mir den Gesang zum Teil noch mehr in Richtung Marvin Gaye oder Elton John wünschte. Jedenfalls konnten wir hart ringen, wenn im Studio etwas nicht passte. Krug hat sich von mir auch immer was sagen lassen, von anderen ja nicht. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis.

Er soll aber auch unwirsch gewesen sein, wenn ihm jemand die Show stahl?

Oh ja, Krug war ein Talent, das es wahrscheinlich alle 50 Jahre nur einmal gibt, vor allem in Deutschland, aber wenn jemand mehr Aufmerksamkeit erregte, gefiel ihm das nicht.

Wovon Uschi Brüning ein Lied singen konnte, als sie mit ihm als junge Sängerin auf Tour war.

Kann ich mir vorstellen. Mich hat er aber immer neben sich leben lassen. Er nannte mich: Wolfgang Amadeus Fischer.

Bei einem Fernsehkonzert 1975 sangen Sie doch mal: „Alles geht einmal zu Ende“. So war es dann ja auch. War nach Krugs DDR-Ausreise Ihre Zusammenarbeit beendet?

Krug wollte zunächst, dass ich mit in den Westen gehe. Da er ziemlich unsicher war, ob er als Schauspieler wieder auf die Beine kommt, wäre ihm ein zweites Standbein als Sänger sehr willkommen gewesen. Aber ich hatte meine ganze Familie hier, ich konnte nicht alles stehen und liegen lassen. Wir haben allerdings bei meinem ersten Musical im Westen, „Jack the Ripper“, von 1984 bis 1989, noch mal musikalisch zusammengearbeitet.

Existieren noch die Bänder von der fünften Amiga-LP, die kurz vor Krugs  Ausreise geplant war?

Ich habe nur noch ein paar Noten zu Hause. Wir hatten nur zwei, drei Lieder aufgenommen, von denen der Titel „Morgen“ wohl im Internet kursiert. Eigentlich schade, wir hätten sicher wieder eine gute Platte zustande bekommen.

Hat Krug später mal geäußert, das doch noch mal anzugehen?

Nicht direkt nach der Wende, die Idee kam viel später wieder.

Vor ein paar Jahren soll es ein Veranstalterangebot für ein großes Reunion-Konzert in der Berliner Wuhlheide-Bühne gegeben haben?

Es gab viele Angebote. Schon 2000 ließ Krug mich über Freunde wissen, dass er gern wieder mit mir arbeiten würde. Ich lebte jedoch bereits in Irland und  war damals voll mit Arbeit in London,  Amerika und fürs deutsche Fernsehen, außerdem wollte ich nicht mehr mit ihm arbeiten.

Sie waren zu einer Versöhnung nicht bereit, nachdem sich Krug 1993 mit Spitzelvorwürfen von Ihnen losgesagt hatte?

Eine Versöhnung wäre nur möglich gewesen, wenn er sich für die Wunden, die er meinen Kindern, meiner Frau und mir zugefügt hat, entschuldigt hätte. Leider fehlte ihm dazu der Mut. Die gebetsmühlenartige Wiederholung dieses unbewiesenen Vorwurfs durch die deutsche Presse war auch nicht hilfreich.

Vermissen Sie ihn manchmal oder die Zeit mit ihm?

Sie gehört zu den schönsten Zeiten in meinem Leben. Wir waren jung und wollten der Welt zeigen, dass wir was drauf haben.

Manfred Krug: Amiga Vinyl-Box 1-4

Günther Fischer und Band sind live am 9. Dezember ab 20 Uhr im Kulturschloss Großenhain zu erleben.

Mit Günter Fischer
sprach Gunnar Leue