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Interview
„Traumfabrik der DDR war die Defa nicht“

Der Autor des DEFA-Filmlexikons, Frank-Burkhard Habel, vor dem Plakat des ersten DEFA-Films überhaupt: „Die Mörder sind unter uns“ von 1946
Der Autor des DEFA-Filmlexikons, Frank-Burkhard Habel, vor dem Plakat des ersten DEFA-Films überhaupt: „Die Mörder sind unter uns“ von 1946 FOTO: Gunnar Leue
Berlin. Der Herausgeber des umfangreichen Defa-Filmlexikons ist auch Mitbegründer des Filmfestivals Cottbus.

Neben rund 900 Spielfilmen hat die Defa 750 Animationsfilme sowie 2250 Dokumentar- und Kurzfilme produziert, dazu Tausende ausländische Filme synchronisiert. Frank-Burkhard Habel hat ein Defa-Lexikon herausgegeben. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm darüber.

Herr Habel, in Ihrem Lexikon haben Sie rund 900 Filme aufgeführt. Kann man sagen, dass die Auflistung vollständig ist oder gibt es noch verschwundene, unentdeckte Defa-Spielfilme?

Habel Die Auflistung ist hundertprozentig vollständig, was die etwa 800 reinen Defa-Spielfilme betrifft. Aber ich habe das Spektrum auch um Filme erweitert, die für das DDR-Fernsehen produziert wurden, sofern sie ins Kino gekommen sind. Außerdem um Kinoproduktionen, die nicht immer als Defa-Produktionen galten, selbst wenn die Defa großen Anteil daran hatte, wie bei sowjetischen Filmen.

Die Defa hatte ja das Monopol in der DDR-Spielfilmproduktion. Als die Traumfabrik der DDR kann man sie aber wohl kaum bezeichnen.

 Habel Nein. Sie hatte jedoch auch nie die Absicht, Traumfabrik zu sein. Ihr Anspruch war es, ein Spektrum abzudecken, wozu natürlich viel sozialistische Propaganda gehörte. Aber die Defa hatte auch einen Plan zu erfüllen beim Erreichen von Zuschauern, und die gingen natürlich lieber in die unterhaltenden Filme, weshalb von denen viele produziert wurden. Das Verhältnis hielt sich etwa die Waage, vielleicht gab es sogar etwas mehr unterhaltende Filme, die zum Teil auch vom Alltag in der DDR erzählten, ohne die schöne sozialistische Gegenwart auf rosarote Art zu zeigen.

47 Jahre Defa-Spielfilmproduktion lassen sich sicher auch kaum über einen Kamm scheren, oder?

Habel In der Zeit gab es natürlich verschiedene Phasen. Gerade in den 50er-Jahren stand das gesellschaftliche Sein sehr im Vordergrund: Viele Filme drehten sich um die sozialistische Produktion, und auch die Liebespaare waren immer mit der Planerfüllung beschäftigt.

Zur Defa-Geschichte gehört auch – was viele nicht wissen – der erste deutsche Nachkriegsspielfilm: „Die Mörder sind unter uns“ von 1946, unter anderen mit Hildegard Knef.

Habel Das kam, weil die Sowjetunion das Medium Film als gute Möglichkeit sah, die Leute umzuerziehen. Deswegen wurde in ihrer Besatzungszone früh eine Lizenz zur Filmproduktion erteilt, während sich die Westmächte in ihren Zonen mehr Zeit ließen, weil sie die deutsche Filmindustrie nicht hochkommen lassen  sondern mit ihren eignen Filmen Geld verdienen wollten. Interessant ist übrigens, dass heute in den USA fast sämtliche Defa-Filme auf DVD, englisch untertitelt, erhältlich sind. Durch die Defa Film Library ist ein Interesse geweckt worden, das dazu führte, dass es inzwischen auch einen kalifornischen Filmwissenschaftler – Jim Morton – gibt, der in seinem Defa-Blog monatlich einen Film lang bespricht und mit der amerikanischen und internationalen Filmkunst in Verbindung setzt.

Im eigenen Land scheint das DDR-Filmerbe teilweise weniger Beachtung zu finden. Im MDR laufen öfter Defa-Filme, in ARD und ZDF praktisch nichts.

Habel Ja, bei denen läuft jedes Jahr „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und das war’s.

Waren die Märchen- oder die Indianerfilme das kommerziell erfolgreichste Defa-Genre?

Habel Auf jeden Fall die Indianerfilme. Die haben ihre Kosten immer eingespielt und wurden in die halbe Welt verkauft, bis in arabische und afrikanische Länder. Sogar im britischen BBC-Fernsehen liefen die in den Achtzigern. Nur im Indianerland USA nicht. Nach der Wende gab es dort aber immerhin ein Defa-Indianerfilmfestival, zu dem Goj­ko Mitic  eingeladen war.

Gibt es heute Regisseure, von denen Sie die stilistische Tradition der Defa-Filme, ich sage mal, die Intensität des Erzählens, fortgeführt sehen?

Habel Dresen fällt mir da sofort ein. Man merkt ihm deutlich an, dass er ein Schüler von Günter Reisch ist, der sowohl ernste historische Filme als auch heitere Filme gemacht hat.

Andreas Dresen bringt bald auch einen Film über Gerhard Gundermann, den singenden Baggerfahrer aus der Lausitz, ins Kino.

Habel Ja, mit Alexander Scheer in der Hauptrolle. Dass er den nehmen muss, habe ich Andreas übrigens schon vor Jahren gesagt. Vielleicht hat er ja auf mich gehört. (lacht)

Apropos Lausitz, Sie gehörten 1991 zu den Mitbegründern des Filmfestivals Cottbus?

Habel Ja, ich war im Vorstand des Interessenverbandes Filmkommunikation, der aus der DDR-Filmklubbewegung hervorgegangen ist. Wir hatten damals versucht, ein Stückchen bewahrenswerte Kultur in die Neuzeit rüberzuretten. Ich war dann in der Auswahlkommission des Festivals, worauf ich stolz bin.

Das Festival widmet sich der östlich geprägten Filmkunst. Ist es damit in gewisser Weise auch eine kleine Reminiszenz an die Defa-Tradition?

Habel Mir geht immer das Herz auf, wenn ich diese spezielle filmische Handschrift wiedererkenne, die man in Osteuropa gepflegt hat und zum großen Teil noch weiter pflegt. Dazu gehört das liebevolle Erzählen über Personen und manchmal auch die langsamen Kameraeinstellungen oder Schnitte.

Mit Frank-Burkhard Habel
sprach Gunnar Leue