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| 13:51 Uhr

Interview mit Alexander Merzyn
„Die Unabhängigkeit der Kunst ist ein hohes Gut“

 Alexander Merzyn bei der Probe mit dem Philharmonischen Orchester.
Alexander Merzyn bei der Probe mit dem Philharmonischen Orchester. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Der komissarische Generalmusikdirektor des Staatstheaters spricht über die neue Konzertreihe und den Ausgang der Landtagswahl.

Mit einer neuen Konzertreihe startet das Philharmonische Orchester des Staatstheaters in die neue Spielplan-Saison. Die RUNDSCHAU sprach mit Alexander Merzyn, dem kommissarischen Generalmusikdirektor, über Programmhöhepunkte und persönliche Zukunftsvisionen.

Das Orchester geht auf musikalische Europareise. Was steckt dahinter?

Merzyn Etwas genauer gesagt, geht es um die Nachbarländer. Kein Land in Europa hat so viele Nachbarn wie wir: neun Länder. Diese sollen vor allem in musikalischer Hinsicht vorgestellt werden. Bei acht Philharmonischen Konzerten geht das nicht ganz auf. Deshalb haben wir die Benelux-Länder zusammengefasst. Die Idee  ist, sich mit den Menschen und den Kulturen zu beschäftigen, mit denen wir Tür an Tür wohnen.

Von Neuentdeckungen und Lieblingsstücken ist die Rede. Gibt es Werke, die Ihnen am Herzen liegen?

Merzyn Bei mir ist es meistens so, dass die Stücke, an denen ich gerade arbeite, auch meine Lieblingsstücke sind. Doch das erste Programm mit dem Schwerpunkt auf Österreich liegt mir tatsächlich sehr am Herzen. Die „Unvollendete“ von Schubert und die 9. Sinfonie von Bruckner sind Stücke, die für mich schon seit meiner frühesten Jugend sehr wichtig sind. Beides sind unvollendete Kompositionen. Trotzdem sind es Werke, die in ihrer Vollkommenheit unglaublich faszinierend sind.

Die zweite Station führt nach Frankreich. Ausgerechnet Peter Tschaikowsky ist mit seinem Violinkonzert zu hören. Wie passt das?

Merzyn Das liegt zugegebenermaßen nicht sofort auf der Hand. Doch das Stück wurde am Genfer See komponiert, der ja bekanntermaßen zwischen der Schweiz und Frankreich liegt. Das Werk selbst versprüht eine aristokratische Eleganz, wie sie auch in den großen französischen Kompositionen zu finden ist.

Präsentiert wird es von Antje Weithaas. Sie steht gleich mehrfach auf der Bühne des Staatstheaters . . .

Merzyn Antje Weithaas stammt ja aus Cottbus und ist inzwischen eine weltbekannte Musikerin. Ihren ersten Geigenunterricht hatte sie am Konservatorium. Nun wird sie als Artist in Residence fünf Mal in dieser Spielzeit zu erleben sein. Ich freue mich sehr, dass sie zugesagt hat. Sie spielt nicht nur als Solistin, sondern leitet auch das Philharmonische Konzert im März 2020.

Ende September zieht der Soul ein ins Staatstheater. Worauf sollte sich der Konzertbesucher einstellen?

Merzyn Maximilian Kraft, ein bekannter Bandleader, bringt drei fantastische Soul-Sängerinnen mit. Jessica Mears sagt man nach, sie sei die Reinkarnation von Whitney Houston. Das stimmt wirklich. Ich habe sie gehört. Das Philharmonische Orchester spielt gemeinsam mit Max and Friends unter anderem Songs von Mariah Carey, Whitney Houston, Randy Crawford, aber auch Musik aus „Porgy and Bess“ von George Gershwin. Da freue ich mich wahnsinnig drauf. Ich glaube, damit kann man Menschen ansprechen, die sonst nicht in klassische Konzerte kommen.

Neu ist der Moderator der Familienkonzerte. Ändert sich das Format?

Merzyn Mit Andreas Tiedemann haben wir einen fantastischen neuen Moderator gefunden. Ich habe mit ihm bereits bei den Familienkonzerten der Dresdner Philharmonie zusammengearbeitet. Sein Vorgänger Christian Schruff ist nun beim RBB  und hat keine Zeit mehr. Das Format bleibt bestehen, aber das Maskottchen Max Hummel wird künftig mehr zu sehen sein.

Von Beethovens 250. Geburtstag ist das Jahr 2020 geprägt. Zu Ostern gibt es „Beethoven schwarz weiß“. . .

Merzyn Schwarz und weiß sind die Tasten des Klaviers, das auch im Mittelpunkt der Osterkonzerte stehen soll. Seit einem knappen Jahr haben wir einen neuen, wunderbaren Steinway-Flügel im Großen Haus, den wir präsentieren wollen. Fünf Klavierkonzerte, Klaviersonaten, aber auch Kammermusik von Beethoven werden zu hören sein.

Seit knapp zwei Jahren arbeiten Sie nun schon am Staatstheater in Cottbus. Wie gefallen Ihnen Stadt und Orchester?

Merzyn Ich erlebe Cottbus als eine Stadt, deren Bürger sehr stolz auf ihr Theater sind. Viele gehen hin. Aber auch die, die nicht kommen, wissen, dass das Haus ein Fixpunkt im gesellschaftlichen Leben ist. Das hat mir von Anfang an gefallen. Das Orchester habe ich als außerordentlich freundlich, hungrig nach guter Arbeit, sehr motiviert und leistungsbereit erlebt.

Viele sehen in Ihnen bereits den Wunsch-Generalmusikdirektor. Deckt sich das mit Ihrer Zukunftsvision?

Merzyn Absolut! Mir persönlich macht die Arbeit in Cottbus im Moment sehr viel Spaß.

Befürchten Sie nach der Landtagswahl negative Auswirkungen auf den Kulturbetrieb?

Merzyn Ein Theater muss immer ein Ort großer Freiheit und Offenheit sein. Die Unabhängigkeit der Kunst ist ein hohes Gut, das nicht beschnitten werden darf. Viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen kommen hier zusammen. Außerdem muss man sagen, dass bei 23 Prozent für die AfD auch 77 Prozent die Partei nicht gewählt haben. Das gibt uns Hoffnung.

 Alexander Merzyn bei der Probe mit dem Philharmonischen Orchester.
Alexander Merzyn bei der Probe mit dem Philharmonischen Orchester. FOTO: LR / Silke Halpick