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Interessant, frisch, anrührend, unterhaltend

Am Ende kommen alle Überlebenskünstler auf der Bühne zusammen.
Am Ende kommen alle Überlebenskünstler auf der Bühne zusammen. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Theaterspektakel haben am Staatstheater Cottbus Tradition. Legendär sind Christoph Schroths "ZonenrandErmutigungen". Vor drei Jahren ließ Schauspieldirektor Mario Holetzeck die beim Publikum beliebten, vielschichtigen, um ein Thema kreisenden Theaterabende wieder aufleben. Solch ein Spektakulum hatte am Freitagabend Premiere. Überlebenskünstler auf der Bühne und im Zuschauerraum hatten eine überaus unterhaltsame und anregende Zeit miteinander. Renate Marschall

Es war ein toller Theaterabend, vom Publikum mit viel Beifall belohnt. Vor allem beeindruckt, was das kleine, seit Schroths Zeiten zahlenmäßig doch sehr geschrumpfte Schauspielensemble - durch nur wenige Gäste verstärkt - auf die Bühne brachte. Einen solchen Kraftakt mit so viel Leichtigkeit zu präsentieren, verdient höchste Anerkennung - Applaus für diese Überlebenskünstler.

Fünf Stücke an einem Abend wurden geboten, durchweg inszeniert von jungen Regisseurinnen. Frauenpower beim Überleben - auch darüber ließe sich trefflich philosophieren. . . Interessante, frische, sehr konzen trierte, dabei unterhaltende Inszenierungen waren zu erleben. . . Leider kann man an einem Abend nur zwei sehen. Aber das Spektakel läuft bis Juni, also Zeit, die anderen mit Einzelkarten noch nachzuholen.

Anfang und Ende: "Don Quijote"

Der Abend beginnt und endet, weil zweigeteilt, mit einem der wohl berühmtesten Überlebenskünstler der Weltliteratur: Don Quijote. Aber ist er es wirklich? Bücher liegen auf der Bühne verstreut, zwischen Himmel und Erde schwebt auf einer Schaukel ein Lesender. Er nimmt seine Umgebung, die Menschen, die begonnen haben, seine Bücher zu verbrennen, kaum wahr. Ja, sie scheint gefährlich zu sein, die Fantasie, mit der man davongaloppieren kann in die Freiheit. Steckt Don Quijote ein bisschen in uns allen?

Vor aller Augen verwandelt sich der Lesende in den Ritter und überredet seinen Nachbarn Sancho Pansa, auch einer, der dem Alltag und dem Eheweib zu entfliehen sucht, sein getreuer Knappe zu werden. So ziehen sie in die Welt, die ganz nah ist. Manche Blessuren tragen sie davon beim Versuch, Gutes zu tun. Es ist nicht so einfach, wenn Fantasie auf Realität trifft, wenn sich einer nicht "normgerecht" verhält. Oder noch schlimmer, die Norm infrage stellt. Die in Cottbus geborene Regisseurin Martina Eitner-Acheampong hat eine eigene Version von Miguel de Cervantes' Roman auf die Bühne gebracht - kurzweilig, mit viel Fantasie, die den Zuschauer ebenso auf den nicht vorhandenen Gaul Rosinante setzt wie den Ritter von der traurigen Gestalt, den Gunnar Golkowski mit bewundernswertem körperlichen Einsatz und viel Spielfreude darstellt.

"Elling" und "Falscher Hase"

Vier Stücke zur Auswahl bildeten den Mittelteil des Abends: "Elling" nach dem Roman von Ingvar Ambjornson erzählt von zwei Männern in mittleren Jahren, die nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie in einer betreuten WG den Start in ein neues, selbstbestimmtes Leben wagen und dabei die Kunst des Überlebens an den Tücken des Alltags jeden Tag aufs Neue lernen müssen. Regisseurin Milena Paulovics ist in Cottbus keine Unbekannte mehr, mit Inszenierungen wie "Bungee Jumping" oder "Windhunde und Turteltauben" hat sie hier längst ein Publikum. In "Falscher Hase" von David Gieselmann spielt Heidrun Bartholomäus eine vermeintlich verrückte Alte, die es faustdick hinter den Ohren hat. Regie führt Maike Krause, die schon 2011 beim Theaterspektakulum zum Thema "Heimat" in Cottbus dabei war.

Sehenswert: "Nathans Kinder"

Catharina Fillers hat sich mit "Nathans Kinder" eines seit Jahrhunderten unbewältigten Themas angenommen: dem immer wieder als Vorwand für Kriege dienenden Konflikt der Religionen. Kulminationspunkt Jerusalem. Juden, Christen Muslime, alle beanspruchen es als heiligen Ort. Und sind bereit, dem anderen den Garaus zu machen. Der Bischof will dem Sultan, der Sultan dem Bischof und beide dem Juden Nathan an den Kragen. Ulrich Hubs erweitert in seiner Adaption von Lessings "Nathan der Weise" das Thema um den Generationenkonflikt und fragt: Was hinterlassen die Alten den Jungen für eine Welt? Die Jungen verweigern sich. Der Kreuzritter Kurt will nicht mehr in den Krieg ziehen und Recha, Nathans Tochter, ist es leid, dem von Erfahrung geprägten ewigen Misstrauen des Vaters zu folgen. Der Christ und die Jüdin (großartig Ariadne Pabst und Johannes Kienast) tragen, indem sie ihre Liebe verteidigen, die Hoffnung künftiger Generationen auf Toleranz in sich. In Catharina Fillers' äußerst sehenswerter Inszenierung sind alle Figuren jederzeit auf der Bühne präsent wie das, was sie verkörpern, in der Welt ist. Aber immer dann, wenn sie sich als Menschen, nicht als Repräsentanten gegenübertreten, verhalten sie sich menschlich. (während der Generalprobe gesehen)

"Im Abseits": stimmig inszeniert

Auch in Alexandra Wilkes Inszenierung von Sergi Belbels "Im Abseits" sind es die Jungen, die es vielleicht besser machen können. Eine Familie ist in die Schieflage geraten - wegen der Krise. Das Gehalt von Familienvater Pol wird um 30 Prozent gekürzt, auch die Umsätze im Geschäft seiner Frau Anna sind eingebrochen. Tochter Lisa bekommt ihr fest eingeplantes Stipendium für Amerika nicht.

Das Leben kann also nicht so weitergehen wie bisher. Was tun? Allzu viele Optionen gibt es nicht, wenn man den Schein wahren will und auch irgendwie festgefahren ist in seinen Beziehungen. Da kommt man auf die groteskesten Ideen. Jeder aus der Familie versucht sein eigenes Krisenmanagement.

Alexandra Wilke lässt auf mehreren gekippten Ebenen spielen, durch Gräben getrennt, die die Figuren immer wieder mehr oder weniger behände überwinden. Und manches schaffen sie auch nur im Traum. Auch das eine stimmige Inszenierung mit durchweg erstklassigen Darstellern.

Manche von ihnen sieht man in der Pause wieder - bei den Überlebens-Liedern. Außerdem gab es Überlebens-Kisten zu durchschnüffeln, in denen Theaterbesucher das für sie Wichtigste deponiert haben - von der Pulle für die Flaschenpost bis zu Liebesbriefen an die Familie. Und ganz oben unterm Dach wartete ein Überlebens- Parcours, der Geschick in vielen Lebenslagen forderte.

Ein rundum gelungener Abend, der in gut dreieinhalb Stunden viel bietet: anregende, aufwühlende, witzige, unterhaltende Theaterkunst, in Szene gesetzt von interessanten jungen Regisseurinnen, dargeboten von einem furios aufspielenden Schauspielensemble. Ein Spektakulum im wahrsten Wortsinn - aufsehenerregend.

Zum Thema:
Da es nicht möglich war, alle Stücke vorher zu sehen, soll eine kleine Zuschauer-Umfrage das Bild ergänzen: Klaus und Dorothee Aha sahen "Falscher Hase": Das ist ein richtiger Psychokrimi und wunderbar von Heidrun Bartholomäus und Jochen Paletschek gespielt. Zuerst hat man ja den Eindruck, die alte Dame, die sich bei der Polizei dauernd wegen Lärms in ihrer Wohnung beschwert, ist hilfsbedürftig und einsam. Zum Schluss aber ist der Polizist der Gelackmeierte. Es gelingt ihr, ihn immer mehr in die Enge zu treiben, bis er sich ihre Welt zu eigen macht. Sie dreht den Spieß einfach um. Wie sie das anstellt, ist wirklich sehenswert.Susanne und Helfried Barz schwärmen von "Elling": Wir haben eine äußerst bemerkenswerte, tiefernste Geschichte gesehen, die von großartigen Schauspielern mit viel Leichtigkeit dargeboten wurde. Zwischen Elling (Thomas Harms) und Kjell Bjarne (Mathias Kopetzki) gibt es herrliche Dialoge, sehr witzig und der Regisseurin ist es gut gelungen, die Spannung von Anfang bis zum Ende dieser psychologischen Studie aufrecht zu erhalten. Viel zum Lachen und viel zum Nachdenken, auch darüber, was als "normal" angesehen wird. Warum muss sich jeder irgendwelchen Normen unterordnen? mar1