„Es gibt über unser Land so viele
negative Klischees wie über kein
anderes in Europa. Und das ist für
einen Kabarettisten ideal.“
 Steffen Möller



Herr Möller, Sie sprechen perfekt polnisch. Sind die Deutschen, was Fremdsprachen betrifft, nicht relativ lernfaul„ Sehen Sie sich da als Ausnahme?
In Bezug auf Polnisch, sicher ja. Als ich in Berlin studiert habe, versuchten viele, ein Stipendium in England oder Amerika zu bekommen, einige auch in Frankreich. Ich fühlte mich, ehrlich gesagt, als so ein Hinterweltler, weil ich Englisch nicht so gut kann. Und dann habe ich es mit Italienisch versucht, war in Italien, aber irgendwie war das auch nicht so der Hit, da habe ich mich immer eher als Tourist gefühlt. Dann habe ich mit Polnisch angefangen, weil ich das Gefühl hatte, das kann ja keiner. Da war ich sofort die Nummer 1. Es liegt vielleicht daran, dass die Sprache eben nicht so einen Nimbus hat wie Englisch. Durch diese Zustimmung, die ich in Polen von Anfang an hatte, habe ich plötzlich gedacht, vielleicht hast du ja doch Sprachtalent.

Das war der Moment, wo Sie gesagt haben: Hier kann man auch länger bleiben?

Genau, nach dem ersten zweiwöchigen Sprachkurs habe ich gedacht, es ist ja ein tolles Land, habe ich gar nicht gewusst. Wir wissen über den Osten eigentlich zu wenig. Ein bisschen was über Russland vielleicht, aber über Polen, da wissen die Leute nicht viel.

Aber Sie sind in Polen neben dem Papst wahrscheinlich der beliebteste Deutsche. Was muss man dafür tun?
Als Erstes sollte man mal in einer Fernsehserie auftreten, dann wird man schneller bekannt. Die Leute merken, dass ich Polen wirklich mag. Ich habe nicht vom ersten Tag an Kabarett oder so ähnliches gemacht. Ich war erst einmal sieben Jahre lang ein ganz bescheidener Deutschlehrer und habe die Sprache von der Pike auf gelernt. Mit nur auswendig gelernten Texten kann man da nicht auf die Bühne gehen. Und dann habe ich natürlich auch noch das Glück, dass ich Deutscher bin. Man kann nur jedem Deutschen, der im Ausland ist, herzlich gratulieren. Es gibt über unser Land so viele negative Klischees wie über kein anderes in Europa. Und das ist für einen Kabarettisten ideal. Was immer man auch sagt, es ist irgendwie witzig. Wenn man auch noch ein bisschen Selbstironie hat, ist man der King. Ich will kein Belgier oder Bulgare sein. Das sind angeblich die beiden einzigen Länder in Europa, über die es überhaupt keine Klischees gib t.

Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, Kabarett in Polen zu machen?
Kabarett habe ich schon in der Schule gemacht, später auch beim Studium. Aber in Deutschland hatte ich nie irgendwie Lust, das auszubauen. Irgendwie kam mir das in Deutschland zu doof vor - einer zu sein, der nun auch noch seine Witzchen macht über seine WG oder über irgend etwas. Erst in Polen bekam ich wieder Lust aufs Kabarett. Ich habe ganz am Anfang im Deutschunterricht gemerkt, dass meine Studenten gelacht haben, wenn ich erzählt habe, wie ich nach Polen gekommen bin. Das habe ich dann langsam zur Bühnenreife gebracht.

Die Erzählungen sind offenbar mit vielen Körnchen Wahrheit versehen . . .
Genau. Deswegen ist es auch so, wenn Sie ein oder zwei meiner Programme kennen, dann brauchen Sie nicht mehr zu kommen, ich erzähle eigentlich immer nur über mein Leben. Ich denke mir keine neuen Geschichten aus, ich habe auch nicht jedes Jahr ein neues Programm.

Seit wann läuft die Fernsehserie?
Die Serie läuft seit sechs Jahren, zweimal in der Woche zur Primetime, Montag und Dienstag 20 bis 21 Uhr und durchschnittlich von 9,5 Millionen Polen gesehen. Ich bin seit viereinhalb Jahren dabei, seit 400 Folgen. Ich spiele Stefan den Kartoffelbauern, der nach Warschau kommt, um Land zu pachten. Am Anfang sind alle gegen mich, weil sie glauben, ich will alles aufkaufen, dann merken sie wieder, wie sympathisch ich bin. Ich bin ein gutmütiger Pechvogel, der keine Frau abbekommt, aber die kranken Nachbarskinder zum Arzt fährt.

Auf wie viele Folgen ist die Serie denn ausgelegt, auf die Ewigkeit?
Das ist bis auf die Ewigkeit angelegt. Zumindest, solange wie die Serie noch um die zehn Millionen Zuschauer hat.

Wie erklären Sie sich eigentlich die Vorliebe der Polen für das Kabarett“ Da gibt es ja abendfüllende TV-Sendungen.
Da gibt es positive und negative Stimmen. Die einen sagen, dass die polnischen Fernsehzuschauer immer weiter verdummen. Es gab und gibt in Polen gleichzeitig auch eine sehr große Tradition des Theaters im Fernsehen. Und das wird immer weiter reduziert. Das bröckelt immer weiter ab und die Leute wollen immer mehr Kabarett haben. Es gibt viele, die das negativ sehen, aber ich persönlich kann nur sagen, die Polen haben das Kabarett im Blut. Das einzige Land, das ich kenne, wo jeder ohne Ausnahme Sinn für Humor hat. In Deutschland ist es immer noch wie ein Glückstreffer, in Polen kann man mit einer x-beliebigen Putzfrau oder mit dem Premierminister oder mit jedem reden. Jeder hat Sinn für Humor. Die Leute machen Witze im Alltag, überall. Ich vergleiche sie manchmal ein bisschen mit den Berlinern. Allerdings ohne diesen harten Berliner Einschlag. Die Berliner haben aber auch diesen Mutterwitz, in Wuppertal oder Hamburg gibt es das nicht.

Gibt es nicht auch in Polen die Tendenz zur Comedy?
Schon, aber es hat sich auch einiges geändert durch die Kaczynski-Brüder und die derzeitige Koalition. Die liegt dermaßen unter Beschuss, das kann man vergleichen mit Helmut Kohl am Anfang der achtziger Jahre, der ja auch nur die Witzfigur war, aber noch viel extremer. Generell ist politisches Kabarett aber nicht mehr so gefragt. Das ist ja in Deutschland ähnlich, wer guckt denn noch "Scheibenwischer" . . .

Kann es sein, dass man in Polen immer noch Angst hat vor den Deutschen? Warum sind die Polen so empfindlich, etwa gegenüber Erika Steinbach, die als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen gar nicht offizielle deutsche Politik vertritt?
Da gibt es unheimlich viele Übertreibungen in Polen. Ich bin manchmal regelrecht verzweifelt über polnische Journalisten. Auch in renommierten Blättern, nicht nur bei den großen Boulevardblättern, gibt es Stimmungsmacher, die Kleinigkeiten hochdrehen. Weil sie keine Ahnung haben von Deutschland, weil sie nicht mitbekommen haben, dass sich etwas in Deutschland geändert hat, weil sie hinter jedem kleinen Idiot, der irgendeinen Regressanspruch stellt, bereits einen Stimmungswechsel im Land sehen.

Sicherlich ist diese Empfindlichkeit auch historisch begründet, Polen war ja mal so ein Land auf Rädern.
Ja, das ist ja richtig, aber das hat vor allem damit zu tun, dass die Polen ganz tief immer noch in der antideutschen Propaganda der Kommunisten drin sind und leider ändert sich das nur ganz langsam. Manche sagen, die Kaczynskis sind noch einmal ein letzter Rückschlag der Konservativen und danach ist diese Sache vorbei. Das hat man auch über den Islam gesagt, dass er demnächst liberaler wird. Ich vergleiche das manchmal. Die Überempfindlichkeit der Kaczynskis kann man nur noch mit dem Islam vergleichen, mit diesen Mohammed-Karikaturen.

Das ist in Polen auch so richtig ausgeschlachtet worden . . .
Dann gab es ja noch unangenehme andere Sachen, zum Beispiel diese polnische Media-Markt-Werbe-Kampagne, in der Polen vorkommen, die da gern mal was klauen. Das ist natürlich blöd, aber bitte, das ist doch alles Humor. Wir sehen das locker, in Polen ist man da allerdings empfindlicher.

Könnten sich denn Deutsche und Polen über den Humor ein bisschen näherkommen“ Vielleicht sind wir da schon näher als wir denken?
Ja klar, es gibt ja polnische Kabarettgruppen, die nicht mit Sprachrohr auftreten, wie die Gruppe Mozarta, ein klassisches Streichquartett, das immer mit Frack und Fliege auf die Bühne kommt, Vivaldi spielt und dann ausartet. Dann schlagen die sich die Geigen auf die Köpfe und machen plötzlich eine Titanic-Parodie. Dann gibt es noch einen polnischen Pantomimen, Renerush Krosner, der auch überall beliebt ist, sogar in China und in Japan. Aber generell ist Kabarett leider eben eine nationale Sache. Theater dagegen wird weltweit in der Herkunftssprache akzeptiert. Mich hat noch niemand nach Avignon eingeladen. Ich habe aber den Vorteil, dass ich auf der ganzen Welt auftreten kann. Ich habe Einladungen nach Toronto, New York, London, und in Deutschland mache ich jetzt ein paar Auftritte, alles auf Polnisch. Die polnischen Gemeinden sind groß und gut organisiert. Dank dieser Fernseh-Serie, die manche als polnische „Lindenstraße“ bezeichnen, kennen mich die Polen in der ganzen Welt. Kein deutscher Kabarettist tritt in Kanada oder in den USA auf. Ich könnte in New York und Chicago vor vollen Häusern auftreten - mit Polen gefüllt, versteht sich. Aber kriegen Sie mal 1500 Deutsche in New York zusammen!

Mit STEFFEN MÖLLER
sprachen Peter Blochwitz
und Thomas Klatt