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In Luckau sitzt der Witz im Knast

Andreas Nicolai im Museum
Andreas Nicolai im Museum FOTO: Foto-Zahn/fza1
Luckau. Kultur-Macher gibt es überall in der Region. Heute stellen wir Andreas Nicolai vor, der großen Anteil an der Existenz des Cartoonmuseums Brandenburg hat. Renate Marschall

Es braucht Leute wie ihn, die ein bisschen verrückt sind - kulturverrückt - um neben den etablierten Angeboten von Theatern, Galerien, Museen Kunst ins kulturelle Brachland zu tragen. Oder eben, wie Andreas Nicolai, eine Kunstform unter die Leute zu bringen, die scheinbar keine Lobby hat - Cartoons und Karikaturen. Das zu ändern, daran arbeiten Andreas Nicolai und viele Mitstreiter, allesamt bekannte Karikaturisten wie Barbara Henniger, Phil Hubbe, Helmut Jacek, Harald Kretzschmar, Reiner Schwalme, Klaus Stuttmann seit Jahren. 2008 haben sie dafür ihre eigene Lobby gegründet, die Cartoonlobby. "Dem Verein gehören inzwischen fast 90 Mitglieder an, Zeichner, Agenturen, Museen, Kunstbüros, die mit dem Genre beschäftigt sind", sagt Andreas Nicolai, der neben seiner eigenen Firma Cartooncommerz N&Co auch die Geschicke des bundesweiten Vereins lenkt. Ein echter Kulturmacher eben.

Einen Teil seiner damals gestellten Aufgaben hat der Verein auch schon erfüllt: das kulturelle Erbe auf dem Gebiet der Zeichenkunst zu bewahren und ein Forum für die Begegnung, Forschung und den Informationsaustausch zu schaffen. So steht es in der Satzung. Im Februar 2011 öffnete, getragen vom Verein und seiner Stiftung, das Cartoonmuseum in Luckau auf dem Gelände der ehemaligen Haftanstalt im Herzen der Stadt. Damit war zumindest ein Ort für ganzjährige Ausstellungen gefunden. "Ein zusätzlicher Glücksumstand war, dass wir im Kreisarchiv, das sich gleich über den Ausstellungsräume befindet, unsere Sammlung unterbringen konnten. Immerhin etwa 30 000 Blätter - Schenkungen und Dauerleihgaben, die wir gerade digitalisieren", so Nicolai.

Wer unter den zahlreichen Arbeiten die von Andreas Nicolai sucht, sucht vergebens. Er hat das Zeichnen seit Langem aufgegeben, auch wenn es ihn über Jahre begleitete. "Ich habe schon als Kind Karikaturen gemalt", erinnert er sich. "Das zum Beruf zu machen, habe ich mich nicht getraut." So hat er in Merseburg Chemie studiert und nebenbei Erfolge als "Jungkarikaturist" gefeiert. Nach dem Studium zog es den Berliner zurück in seine Heimatstadt - an die Akademie der Wissenschaften. Weil er es aber nicht lassen konnte, leitete er dort nebenbei eine "Kleine Galerie". Der Kontakt und die Freundschaft zu Leuten wie Manfred Bofinger, Andreas Prüstel, Joseph W. Huber oder Heinz Behling rühre aus dieser Zeit. Damals hat er auch selbst noch versucht, künstlerisch weiterzukommen, besuchte einen Kurs für Akt- und einen für Aquarellmalerei, beschäftigte sich mit Radierung und Lithografie.

Beruflich in die Kultur zu wechseln, das habe ich, von Künstlerkollegen bestärkt, erst 1990 nach dem Ende der DDR gewagt", so Nicolai. Stationen waren das "studio bildende kunst" Berlin und bald schon die Cartoonfabrik Köpenick. Hier war er vor allem als Manager und Ausstellungsmacher gefragt, die eigene künstlerische Tätigkeit rückte immer weiter in den Hintergrund.

Dem Cartoon und der Karikatur einen angemessenen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung wie der künstlerischen Bewertung zu verschaffen, bestimmte zunehmend sein Interesse. Folgerichtig gründete Nicolai 1995 seine Firma Cartooncommerz, mit der er Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert, Künstler vermittelt. Unter anderem gestaltete er 2011 die große Ausstellung "Test the West - Karikaturen aus Ostdeutschland" im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Im gleichen Jahr eröffnete des Museum für Humor und Satire in Luckau.

Ziel erreicht? Keinesfalls. Inmitten all der Organisiererei für seine eigene Firma, den Verein und das Museum versucht er beständig, unter anderem bei staatlichen Stellen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Karikatur Kunst ist. Eine unverzichtbare. Karikaturisten, zumal die politischen, sind doch so was wie die Nach- und Vordenker. Wie wichtig war der politische Witz etwa in der DDR - als Mutmacher, Transporteur vieler kleiner Wahrheiten, Tabubrecher. Was Karikaturisten über Jahrzehnte geschaffen haben, ist Spiegel der Gesellschaft und kulturelles Erbe. Und wo gehört das am besten hin? In die Hauptstadt, wo es mehr als nötig scheint, den politischen Akteuren den Spiegel vorzuhalten, ist Nicolai überzeugt. Übrigens soll auch Till Eulenspiegel seinen Mitmenschen an Durchblick und Witz weit voraus gewesen sein. Und - Satire tut ja bekanntlich am meisten weh. Also sind Andreas Nicolai und die Cartoonlobby auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten. In Berlin ein schwieriges Unterfangen.

Bis dahin aber heißt der Anlaufpunkt für Freunde des gezeichneten Humors Luckau. Im Jahr des Reformations-Jubiläums widmen sich die Ausstellungsmacher - alle ehrenamtlich, das Museum wirft keinen Gewinn ab - in einer Trilogie dem Thema "Glaube - Liebe - Hoffnung". Der "Glaube" ist inzwischen durch. Aber die "Liebe" in all ihren Facetten noch bis zum 27. August zu betrachten. Von der heimtückischen Frage einer Ehefrau "Liebst du mich noch?" von Lothar Otto bis zu Barbara Hennigers "Schutz des ungeborenen Lebens" mit einem Bischof vor Frühstücksei, den gerade der Teufel holt. "Hoffnung" gibt es ab September. Überhaupt sollte man sich vornehmen, regelmäßig hier reinzuschauen - schon um dem ganzen Wahnsinn um uns herum eine etwas befreiende, heitere Seite abzugewinnen.

Zum Thema:
Das Cartoonmuseum Brandenburg ist in der Luckauer Altstadt, unweit vom Markt zu finden. Es ist untergebracht in der ehemaligen Haftanstalt, dem jetzigen Kreisarchiv, in einem Komplex mit Niederlausitz Museum, Bibliothek und Kulturkirche sowie einem Indoorspielplatz. Träger der Stiftung Museum für Humor und Satire ist der Verein Cartoonlobby e. V.Vernissage zur nachfolgenden Ausstellung "Hoffnung" am 2. September, 14 Uhr.Öffnungszeiten Cartoonmuseum: Dienstag, Donnerstag, Samstag (bis November) und Sonntag 13 bis 17 Uhr. Eintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei.