Von Gunnar Leue

Sex & Drugs & Rock’n’Roll hieß es von Frühjahr bis Herbst 1967 im Summer of Love. Dass die Ausläufer des Summer of Love bis in die DDR reichten, dürfte manchen Nichtdabeigewesenen heute vielleicht überraschen, aber es ist so. Wenngleich sich das Hippietum – anders als im Westen – offenbar mehr als eine Art Wochenendveranstaltung dargestellt haben muss, da selbst die hippiesten DDR-Jugendlichen wochentags mehr oder weniger engagiert der sozialistischen Arbeit nachgegangen waren. Obwohl die DDR-Führung die internationalistische Parole von „Frieden, Freundschaft, Solidarität“ hochhielt, war sie mit der eher persönlich gemeinten „Love and Peace“-Version nicht so glücklich. Eine Ablenkung der Jugend vom sozialistischen Aufbauwerk sah man halt nicht so gern, außerdem kam die Sache bekanntlich aus dem Westen.

Ganz ignorieren konnte oder wollte man den Trend zum fröhlich-kuscheligen Miteinander jedoch nicht. Ein Ergebnis war die Schlagerkomödie „Heißer Sommer“, die 1968 in die Kinos kam und zu den wenigen Defa-Tophits wurde. Schon das Mitwirken des Schlager-Traumpaares Chris Doerk und Frank Schöbel sorgte damals für Furore, erst recht die Filmsongs, die echtes Sixties-Feeling vermittelten.

Komponiert haben die Musik zum Filmmusical Vater und Sohn Natschinski. Vater Gerd war ein erfolgreicher Komponist von Unterhaltungsmusik, Sohn Thomas ein nicht minder erfolgreicher Beatmusiker, der mit seiner Gitarrencombo Team 4 ab 1964 auf den Spuren der Beatles wandelte. Sie war die erste Band im deutschsprachigen Raum mit deutschen Texten, lange vor Udo Lindenberg und den Puhdys, und landete rasch einige Hits, darunter „Mokka-Milch-Eisbar“ oder „Als du von mir gingst“. Letzterer von der 1968 erschienenen Team- 4-LP „Die Straße“, die als erstes deutschsprachiges Album gilt.

Sein Händchen für poppige Beatmelodien bescherte Thomas Natschinski letztlich auch die Mitwirkung an dem Kultmusikfilm, wie er im Hinblick auf seine Konzertlesung „Heißer Sommer“ berichtet, zu der er gemeinsam mit der Autorin Christine Dähn am 22. Juni in der Kleinen Komödie Cottbus erwartet wird. „Der Regisseur und mein Vater waren auf mich zugekommen und hatten gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein paar Songs für den Film zu schreiben. Mein Vater war ja vor allem der Könner auf dem Schlagergebiet und sie wollten noch eine zusätzliche Musikfarbe, die auch die jungen Leute bedient. Darin liegt wohl auch der Erfolg des Films, dass er musikalisch so vielschichtig ist.“

Thomas Natschinski wird in seiner Konzertlesung zusammen mit der früheren DT64-Radiomoderatorin Christine Dähn – Verfasserin von seiner Biografie „Verdammt, wer hat das Klavier erfunden“ und inzwischen auch seine Songtexterin – Geschichten von den Filmdreharbeiten zum Besten geben. „Ich war ja damals dabei, es hat großen Spaß gemacht und es gibt auch die eine oder andere Anekdote um Frank Schöbel und die anderen Mitwirkenden zu erzählen“, so der Musiker, der am Klavier einige Songs aus der Ära der heißen Sommer Ende der Sixties spielen wird, aber auch Musik von seiner neuen CD „Piano Moments“. Ist Natschinski doch nie bei der immer gleichen Musikvorliebe stehen geblieben. Nach seiner frühen Gitarrenbeatphase ist er künstlerisch ein Stück weiter gezogen, hat neben Filmmusik auch Hits für Künstler wie Jürgen Walter und Gaby Rückert sowie Fernsehmusiken komponiert.

Dass heute nur Insidern bekannt ist, dass Thomas Natschinski ein Wegbereiter der deutschsprachigen Beatmusik ist, grämt ihn nach eigenem Bekunden übrigens nur bedingt. Sicher sei es schade, aber das DDR-Radio und -Fernsehen sei halt im Westen kaum gehört worden. Insofern hätte es gar keine Chance gegeben, dass sich auch die Westmedien für diese Musik aus der DDR interessierten. Das sei erst später in den 1970ern bei den Puhdys und Karat der Fall gewesen. Überhaupt, dass er mit seiner Band Team 4 eine Pionierleistung vollbracht habe, das sei ihnen Mitte der 1960er gar nicht so bewusst gewesen. „Wir haben uns eher gewundert, dass es nicht alle mit deutschen Texten probiert haben. Dieses Vorurteil, dass Beatmusik nur auf Englisch funktioniert, hatten wir nie geteilt.“