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In der Hölle ist wenigstens geheizt

Mediziner ziehen über das Gesundheitswesen her: elephant toilet aus Gießen. Foto: Michael Helbig/mih1
Mediziner ziehen über das Gesundheitswesen her: elephant toilet aus Gießen. Foto: Michael Helbig/mih1 FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Mit dem Satirischen Lese-Bühnen-Brunch ist am Sonntag das 17. bundesweite Kabarett-Treffen der Studenten in Cottbus zu Ende gegangen. Insgesamt waren seit Donnerstag 28 Gruppen und Solisten aus zwölf Bundesländern zu erleben gewesen – derart viele Teilnehmer hatte das Festival noch nie. Von Peter Blochwitz

Wie immer waren die Vorstellungen meist im Handumdrehen ausverkauft – 3000 Besucher wurden gezählt. Bewährt hat sich das Konservatorium als neuer Veranstaltungsort – nachdem das Lehrgebäude 9 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU) nicht mehr zur Verfügung steht.

Dass die Eröffnungs-Gala im Großen Haus des Staatstheaters ohne Moderator über die Bühne ging, war sicher gewöhnungsbedürftig. Eingeschlagen haben die zwei neuen Veranstaltungen in der BTU-Mensa: Die Late-Night-Show „Spätzünder“ der Herkuleskeule Dresden gehörte ebenso zu den Höhepunkten dieses Treffens wie das Kinderprogramm mit dem Berliner Jochen Falck am Sonnabend-Vormittag.

Ebenfalls in der Mensa war nun zum dritten Mal der Nachmittag des Improtheaters zu erleben. Die Gruppen Rabota Karoshi aus Cottbus und Stehgreif & Guck (Ladenburg) hatten den Wahlkampf ausgerufen. Es siegte mit knappem Vorsprung die SRP (Schall & Rauch Partei) vor der FDP (Frische Doktor-Plagiate). Unglaublich, was die Improvisations-Spieler auf Zuruf und aus dem Stand leisten! Oberkracher war die Gebärden-Sprachlerin während einer Talkshow über die Euro-Krise.

Medi-zynisches

Im Konservatorium stellte sich am Freitagabend mit elephant toilet ein Festival-Neuling vor. Das Gießener Mediziner-Kabarett, das vor einem Jahr erstmals die Bühne betreten hatte, trat mit sage und schreibe 18 Protagonisten an. Sie boten kein klassisches Nummern-Kabarett, sondern eine geschlossene medi-zynische Geschichte, die schließlich in ein Musical überging. Der Spielspaß war offensichtlich, einige Längen allerdings waren es auch.

Aber dieses Treffen ist ja auch dazu da, sich andere Ansätze anzusehen, sich auch mal was abzugucken. Etwa vom Prolästerrat für Studienungelegenheiten. Die Magdeburger feiern im März ihr 40. Jubiläum und sind nach Rekord-Teilnehmer RO(hr)STOCK (das 17. Mal dabei!) das dienstälteste deutsche Studentenkabarett. Textlich stark, feine Einfälle, etwa die Schweinchen-Geschichte oder die Obduktion der FDP: „Nach monatelangem Scheintod bekommt sie nun einen Totenschein.“ Der Dialog über das Frühstücksei hat Loriot-Qualität.

Wenn von Qualität die Rede ist, sind die Hengstmann-Brüder nicht weit, die spielen seit Jahren ihn der ersten Liga des politischen Kabaretts, wobei sie sich auch für Nonsens oder eine gepflegte Zote nicht zu schade sind. Die Magdeburger waren diesmal mit einem „Jubel!!!äumsprogramm“ angereist, denn den der jüngere der Brüder ist im vergangenen Jahr 30 geworden. In der Rückschau durften „Moaler-Matze“ und „Peace-Malte“ auf keinen Fall fehlen.

Solo-Abend

Qualität in geballter Form gab's dann am Sonnabend im Konservatorium beim Solo-Abend, den Moderator Thomas Paul Schepansky (Dresden) mal eben an der Orgel einleitete. Der nach Berlin eingewanderte Schwabe Tilman Lucke rührte in einer Wunde: „Die Piraten: Vor Jahren lagen sie noch vor Magadagaskar, jetzt liegen sie vor der FDP.“ Der Wuppertaler Berliner Michael Feindler, der schon am Donnerstag in der „Spätzünder“-Show zu sehen war, riet: „Droht dir alles zu entgleisen, höre Florian Silbereisen“. Der Tübinger Fabian D. Schwarz, auch mit der Gruppe Besenreim in Cottbus, studiert Thelogie, die er dann auch mit Vergnügen unter die satirische Lupe nimmt: „Ich will dann doch nicht in den Himmel, lieber in die Hölle, die ist wenigstens geheizt!“

Erstmals beim Festival in Cottbus war Martin Berke aus Chemnitz, der von seinen Erfahrungen als Bundesfreiwilligendienstler in einem Altersheim berichtete. Und er stellte klar, warum seine Generation niemals eine Revolution starten würde: „Es gibt dafür keine App fürs I-Phone.“

Und dann war da ja noch Anna Piechotta. Die Hannoveranerin nahm zum zweiten Mal an dem Treffen teil – erst! Sie sollte öfter herkommen. Sieht blendend aus, hat eine Klasse-Stimme und singt ziemlich schräge Lieder. Aber wie soll sie auch reagieren, wenn beispielsweise „moderen Opern inhaltlich identisch sind mit dem, was in einem Puff passiert“?

Es waren sehr intensive Tage, an denen Bundespräsident Christian Wulff und dieser Partei, die quasi nicht mehr existiert, mächtig die Ohren geklungen haben müssen.

Wann ist endlich das 18. Kabarett-Treffen? Vom 17. bis zum 20. Januar 2013.