Wenn die in Cottbus lebende Choreografin Golde Grunske eine ihrer über einen langen Zeitraum entwickelten neuen Produktionen herausbringt, kann man darauf stets gespannt sein. Ist sie doch selbst sehr besonders und ganzheitlich, und solcherart sind auch ihre Tanzstücke. Gänzlich frei von Zugeständnissen an Trends oder Erwartungen. Immer wieder gelingt ihr in der Zusammenarbeit mit hoch motivierten Künstlern bemerkenswert Tiefgründiges, fabuliert sie auf sinnliche Weise, ist eine aufmerksame Beobachterin, sieht selbst das, was andere übersehen.

Ihr neues Stück mit drei Tänzerinnen, zwei Tänzern und einer Musikerin, das jetzt in der Kulturfabrik Hoyerswerda startete zu einer ersten Aufführungsserie auch in Cottbus, Guben und Horno, nennt sie "ankommen . . ." und assoziiert damit das Phänomen Heimat ohne jede geschmäcklerische Note. Keine Frage, da geht es um die Lausitzer Region und ihre "verschwundenen Orte" ebenso wie um jene Sehnsüchte oder Erfahrungen, die in den Biografien der Tänzer eine Rolle spielen. Und das ist nicht vordergründig erzählt, setzt sich vielmehr aus persönlichen Situationen, Konstellationen zusammen. Die Zuschauer sehen dabei ganz eigene Bilder, kennen sicher auch das Gefühl, wenn (märkischer) Sand durch die Finger rinnt, aus Erdhäufchen Strukturen entstehen, erahnen gewiss die Not, sich zu verstecken, und sei es unter einer Truhe.

Weggehen und Ankommen ist ein allgegenwärtiges Thema, zu dem an diesem Abend auch Misstrauen, Habsucht, Besitzanspruch oder Trennungsschmerz im weitesten Sinne gehören. Golde Grunske erspielt gewissermaßen solche Möglichkeiten, assoziiert auch Mitgefühl und Fremdsein. Wo jeder aus seiner Perspektive Verlust oder Gewinn empfindet. Bei ihr geht es weniger um eine hochartifizielle Bühnensprache, bei der sich die Tänzer quasi präsentieren sollen. Sie ist eine Geschichtenerzählerin der eher leisen, berührenden Art, und der Tanz verquickt sich hier auf sensible Weise mit dem Live- und Zuspiel der Musikerin Miriam Wieczorek. Das macht es spannend, und die Besucher in Hoyerswerda haben das deutlich zu würdigen gewusst. "ankommen . . ." am heutigen Sonnabend, 19 Uhr, Piccolo Theater Cottbus (Tel. 0355/23 687); Sonntag, 17 Uhr, "fabrik e.V." Guben (03561/431 523), 12. September, 19 Uhr, "Archiv verschwundener Orte" Horno (Hornoer Krug, 03562/694 836).