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| 02:44 Uhr

In den Wirren des 20. Jahrhunderts

Cornelius Weiss bei der Lesung in Cottbus. Foto: Michael Helbig/mih1
Cornelius Weiss bei der Lesung in Cottbus. Foto: Michael Helbig/mih1 FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Eine abgeschottete Jugend in der Sowjetunion, Wissenschaftler in der DDR, erster frei gewählter Rektor der Uni Leipzig und Landtagsabgeordneter. Cornelius Weiss hat über sein ungewöhnliches Leben ein Buch geschrieben. Simone Wendler

. Cornelius Weiss legt am Dienstagabend in der Cottbuser Stadtbibliothek ein Buch mit vielen gelben Merkzetteln vor sich auf den Tisch. Es ist seine gerade erschienene Autobiografie "Risse in der Zeit". Gut eine Stunde liest er daraus, immer wieder unterbrochen von Erzählpassagen. Er spannt einen Bogen von der Nazizeit bis in die Gegenwart.

Cornelius Weiss, asketisch schmal, trotz 79 Jahren noch immer sehr lebhaft, blickt auf ein ungewöhnliches Leben zurück, das den Reiz dieses Buches ausmacht. Geboren in Berlin kurz nach Hitlers Machtergreifung. Der Vater, während der Nazizeit Physiker und Radiochemiker, wollte nach dem Krieg nicht für die Amerikaner arbeiten.

Leben hinter Stacheldraht

Die Alternative, zu der er auch "weichgekocht" worden sei, war die Übersiedlung der Familie in die Sowjetunion. Das Leben in einem stacheldrahtumzäunten Gelände prägt den heranwachsenden Cornelius: die Gastfreundschaft der Bauern, die ihm als Deutschen nicht ablehnend begegnen, obwohl in den Wäldern ringsum die Spuren des Krieges sichtbar waren.

"Dort sah ich, was es hieß, verbrannte Erde zu hinterlassen", sagt Weiss vor zahlreichen Zuhörern in Cottbus. Er sah in der Sowjetunion jedoch auch das, was es offiziell nicht gibt: Russische Zwangsarbeiter, viele von ihnen waren gebildete Menschen, aus politischen Gründen inhaftiert, keine Kriminellen.

Erst 1955 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Sie bleiben im Osten. Eine bewusste Entscheidung, wie Cornelius Weiss betont. Hier sei konsequenter mit der Vergangenheit gebrochen worden als in Westdeutschland.

Cornelius Weiss, der in der Sowjetunion mit dem Chemie-Studium begonnen hat, arbeitet an der Leipziger Universität. Doch er tritt nicht in die SED ein. "Solange wir an der Macht sind, wirst du nicht Professor", habe sein Sektionschef ihm zum 50. Geburtstag gesagt. Im Herbst 1989 jedoch wendet sich für Weiss schnell das Blatt.

Fehlende Tiefe

Er wird erster frei gewählter Rektor der Leipziger Universität. Danach 1997 tritt er in die SPD ein, ein Bewunderer von Willy Brandt. Von 1999 bis 2009 sitzt er für die Sozialdemokraten im sächsischen Landtag.

Leider hastet Cornelius Weiss an diesem Abend in kleinen Häppchen durch sein ganzes Buch, entscheidet sich nicht für einen Zeitabschnitt, um den etwas tiefgründiger zu beleuchten. Das macht es schwer nachzuvollziehen, wie das Erlebte ihn zu seinen heutigen Überzeugungen gebracht hat.

Weiss sagt von sich selbst, er gehöre zum linken Flügel in der SPD. Das wird in seinem Fazit an diesem Abend deutlich. Finanzkrise, verarmende Kommunen, ein Auseinanderdriften der Gesellschaft, alles das führe dazu, dass es zu einer Entscheidung kommen werde: Kapitalismus oder Demokratie. Für Cornelius Weiss ist die Marktwirtschaft noch lange nicht das letzte Wort. Solche Thesen bringen ihm in Cottbus Beifall ein.

Im ostdeutschen Herbst 1989, den er eine Revolution nennt, hätten bald schon "Revolutionäre der 5. Stunde" das Ruder übernommen und dem ganzen Prozess eine andere Richtung gegeben, beklagt Weiss. Das weckt in den Zuhörerreihen dann doch heftigen Widerspruch.

Populismusvorwurf verhallt

Populismus wirft ihm in diesem Punkt Thomas Kornek vor, Sozialdemokrat wie der Buchautor. Die Idee einer neuen DDR 1989 sei Unfug gewesen. "Die DDR war mehr als bankrott, wir konnten froh sein, dass der Westen uns aufgenommen hat", sagt er und erntet empörtes Gemurmel und leise Buhrufe anderer Zuhörer. Die stehen kurz darauf geduldig nach Autogrammen von Cornelius Weiss an.