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| 02:40 Uhr

Immergrün wie Schöneberg im Monat Mai

Am Ende kriegen sie sich doch – wenngleich es bis zur Enkel-Generation dauert.
Am Ende kriegen sie sich doch – wenngleich es bis zur Enkel-Generation dauert. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Seine furiose Premiere hat am Freitagabend in der Theaterscheune in Ströbitz Willi Kollos Operette "Wie einst im Mai" erlebt. Das Publikum feierte ausgelassen mit Schunkeln, Mitsingen, rhythmischem Klatschen und einem Tänzchen in der Pause. Renate Marschall / mar1

Schmissige Melodien, die seit hundert Jahren nichts an Hit-Potenzial eingebüßt haben, flotte, etwas aufgefrischte Texte, viel Liebe und eine Prise Herz-Schmerz, dazu mitreißend singende und spielende Sänger und Tänzer waren die Zutaten eines unterhaltsamen Premierenabends. Bravourös, wie diese reduzierte Besetzung und die wunderbare Band von Frank Bernard die kleine Spielstätte des Staatstheaters Cottbus rockten. Nur drei Sängerdarsteller, acht Tänzer und drei Statisten besetzen alle Rollen und stellen damit ihre Vielseitigkeit unter Beweis - inklusive toller Stepp-Einlage von Heiko Walter. Der ist als Penner, Baron von Henkeshofen und Cicero sowie Regisseur zu erleben. Gesine Forberger spielt die Ottilie vom jungen Mädchen bis zur Großmutter sowie deren Enkelin. Hardy Brachmann war der junge draufgängerische Fritz ebenso wie der alte Kommerzienrat und dann auch noch dessen Enkel.

Gleich am Anfang schickte Regisseur Matthias Winter das Blasorchester Cottbus mit Alt-Berliner Melodien in den Saal, um dem Publikum gehörig einzuheizen. Ein Appetitanreger. Köstlich ging es weiter, denn offenbar hatte auch der Regisseur bei der Beschäftigung mit dem Stoff Lust auf mehr bekommen. So fügte er den zahlreichen immergrünen Melodien der Operette noch einige weitere aus der Feder von Walter und Sohn Willi Kollo hinzu. Dazu taucht Heiko Walter als Penner tief in Zilles Berliner Milljöh, das er mit der Straßenbahn Linie 4 oder "immer an der Wand lang" durchquert. An der Ecke spielt der Leierkastenmann seine "alten Melodien von der schönen Stadt Berlin", in der sich diese Familiengeschichte zugetragen hat, die nun auf der Bühne ihren Lauf nimmt: Heiko Walter hat sich in Baron von Henkeshofen, Ottilies Vater, verwandelt, der aufs Standesgemäße pocht. Denn besagtes Kind fällt nicht nur mit Berliner Schnauze aus dem Rahmen, sondern auch mit der Wahl ihres Freundes Fritz. Ein Schlosser! Der muss weg, beschließt der Vater und Fritz fügt sich. Seine Liebe aber will er nicht aufgeben. Wie so viele, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amerika ihr Glück suchten, will er im Land der unbegrenzten Möglichkeiten das große Geld machen und dann um Ottilies Hand anhalten.

Zwanzig Jahre sind vergangen. Ottilie ist längst verheiratet mit dem verschwendungssüchtigen Baron Cicero, als Fritz heimkehrt. Reich, mit Cowboyhut, aber nicht auf einem Gaul, sondern einem Drahtesel. In einer halsbrecherischen Aktion landet Hardy Brachmann mit seinem Mountainbike auf der Bühne.

Der Zeitraffer arbeitet und wieder sind Jahrzehnte vergangen, bis sich Ottilie und Fritz erneut begegnen. Friedrich, inzwischen Kommerzienrat und an seinem 75. Geburtstag vom Kaiser in den Adelsstand erhoben, wird von den Mitarbeitern seines Automobilwerkes gefeiert, unter ihnen Vera Schmidt. Sie ist die Tochter aus Ottilies zweiter Ehe - mit einem Bürgerlichen. Ironie der Geschichte: Jetzt, wo Fritz ebenbürtig ist, spielen Standesunterschiede keine Rolle mehr. "Es war in Schöneberg im Monat Mai . . ." - nur Erinnerungen bleiben.

Kein Happy End? So geht doch eine Operette nicht zu Ende. Noch einmal dreht sich das Rad der Zeit, die Enkel sind am Start. Das Leben des erfolgreichen Industriellen Friedrich von Jüterbog wird verfilmt. Fred spielt seinen Großvater, und Ottilies Enkelin Tilly, die zunächst nur Statistin ist, wird für die Hauptrolle entdeckt. Beide verlieben - und kriegen sich. Geht doch!

Dass solche Storys heute noch funktionieren, zeigt der Erfolg von Rosamunde Pilcher. Aber die Textautoren Rudolph Schanzer und Rudolf Bernauer hatten 1912 mehr im Sinn. Ihre Posse mit Gesang, ein damals beliebtes Unterhaltungs-Genre, verband Zeitsatire und Lokalpatriotismus mit einer guten Show. Aufgespießt wurden Müßiggang und Verschwendung des Adels, der vom aufstrebenden Bürgertum überrundet wurde. Und auch die Frauen gewannen an Selbstbestimmung. Damit die Geschichte musikalisch zündete, dafür sorgte Walter Kollo.

Nach dem Tod seines Vaters bearbeitete Willi Kollo zusammen mit Walter Liek, einem Kabarettisten, das Werk. Sie machten daraus eine Operette, die 1943 uraufgeführt wurde. Ihre Melodien sind immergrün wie Schöneberg im Monat Mai. Denn "Untern Linden, untern Linden" geh'n immer noch die Mägdelein spazieren. Die Berliner Luft rieselt bis heute "durch die Nase in die Lunge. . . ." Und dass die Männer alle Verbrecher sind - die Prinzen haben das drastischer ausgedrückt - ist auch nicht völlig aus der Zeit gefallen, - oder?

Zum Thema:
Die Tochter von Willi Kollo, war als Gast bei der Premiere anwesend und des Lobes voll: "Ich bin sehr beeindruckt, wie gut es gelungen ist, dieses große Stück auf die kleine Bühne zu bringen und dabei dem revueartigen Charakter der Operette zu entsprechen. Die jungen Leute haben wundervoll gesungen und gespielt. Besonders gefallen hat mir die Ottilie. Eine schöne Produktion."