Die Anekdoten, die der in Berlin und der Uckermark ansässige Autor in seinen Texten für die „Zeit“ und den „Tagesspiegel“ beschreibt, klingen oft wie irrsinnige Erfindungen, beruhen ihm zufolge aber stets auf echten Erlebnissen. Extra für das Publikum in der dicht gefüllten Orangerie des Lübbenauer Schlosses hatte der bekannte Kolumnist auch eine ältere Glosse herausgesucht. Sie stammt aus dem Band „Der Titel ist die halbe Miete“ von 2008 und handelt vom Besuch einer öffentlichen Toilette am Lübbenauer Spreewaldhafen.

Dort habe Martenstein namentlich beschriftete Pissoirs vorgefunden, „Harald“ sei leider nicht dabei gewesen, aber immerhin „Harry“. Ein Schild lud ihn noch zum Besuch einer Website ein, wo Links zu „Damen“, „Herren“ und „Pauschalangeboten“ führten.

Für den Autor ist diese Lübbenauer Toilette ein Beispiel für Auswüchse der gegenwärtigen Dienstleistungswirtschaft, selbst banalste Verrichtungen würden mit personalisierten Service-Versprechungen aufgepeppt: „Die Emotionalisierung unserer Gesellschaft nimmt krankhafte Züge an.“

Die Internetseite www.hafenklo.de gibt es übrigens tatsächlich, auf ihr werden zwar keine intimen Geschäfte angeboten – hier ging offenbar die Fantasie mit Martenstein durch –, sondern Spreewaldkahnfahrten, aber das macht die Sache eher noch absurder.

Harald Martenstein tritt in seinen Kolumnen als grummeliger älterer Herr auf, der über wohlfeile Konsens-Meinungen und nachgeplapperte Phrasen in Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Werbung schimpft. Als Beispiel hob er sein Internettelefon anklagend in die Höhe. Das teure Markenprodukt, das unter jungen und fortschrittlichen Leuten als schickes Status-Symbol gilt, ärgert ihn wegen der ständigen „Fingerfettschmiere“ auf dem angeblich so klug designten Touchpad. Martenstein trug solche Beobachtungen mit grollendem Bassvibrato in der Stimme, dramatischen Pausen und vielen effektvoll gesetzten Pointen vor, er erntete damit immer wieder schrilles und stürmisches Gelächter.

Natürlich variiert der geistige Tiefgang dieser wöchentlich verfassten Betrachtungen, doch meist demaskieren sie zielsicher gesellschaftliche Widersprüche, Missstände und Heuchelei. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist ein erst am gestrigen Donnerstag veröffentlichter „Zeit“-Text über eine Supermarkttüte, die Martenstein seinen Lübbenauer Zuhörern als Realobjekt präsentierte. Es handelt sich um eine Tüte aus umweltfreundlichem Recycling-Papier statt schädlichem Plastik. Sie ist über und über mit Öko-Parolen bedruckt: „Gemeinsam Gutes tun“, „Nachhaltigkeitsaktion“, „Hallo Erde“.

Und in diese Öko-Tüte, so Martenstein, packe er dann seine womöglich gesundheitsschädlichen oder aus Massentierhaltung stammenden Einkäufe ein: „Genfood, Schweineschmalz und Jägermeister.“ Ein guter Witz, und ein böser.