Von Stephanie Lubasch

Gleich über dem Treppenaufgang des Frankfurter Packhofes schwebt sie, Martha, die letzte Wandertaube. Rote Brust, blaues Gefieder. Ein Pappmodell, das Georg Barber mal für eine Präsentation seines gleichnamigen Kinderbuches entworfen hat. In ihm erzählt der unter dem Namen Atak arbeitende Künstler Marthas traurige Geschichte. Nun ist sie, zusammen mit weiteren Objekten und Zeichnungen aus anderen von ihm gestalteten Graphic Novels, Teil einer Ausstellung im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. Ihr Titel: „Aus dem Rahmen fallen …“

Für Barber, der sein zeichnerisches Wissen als Professor an der Burg Giebichenstein in Halle weitergibt, ein Heimspiel: 1967 ist er in Frankfurt (Oder) geboren worden. Museumschefin Ulrike Kremeier, seit Langem schon Fan seiner Arbeit, stieß auf diesen Fakt jedoch erst, als sie bei einem Paris-Besuch in der französischen Ausgabe seines Buches „Der geheimnisvolle Fremde“ nach Mark Twain blätterte. Nach ihrer anschließenden Kontaktaufnahme sei dann für beide schnell klar gewesen, dass es in einer zu gestaltenden Ausstellung nicht bei Ataks Zeichnungen allein bleiben sollte. So kamen die Berlinerin Anke Feuchtenberger und der in Leipzig lebende Franzose Blexbolex dazu, beides nicht nur Zeichner-Kollegen, sondern auch Freunde Barbers.

„Alle drei kennen sich gut, arbeiten aber sehr unterschiedlich“, sagt Kremeier. Wie, das zeigt sich schon im Eingangsbereich der Schau, wo Ataks besagte Papp-Martha recht ungerührt in Richtung einer Zeichnung Feuchtenbergers blickt. Ein Mädchen baumelt dort kopfüber an einem Ast, das Gesicht unter dem herabgerutschten Rock versteckt. Auf den ersten Blick vielleicht nicht weiter spektakulär, auf den zweiten aber recht verwirrend: Dort, wo man die Arme vermutet, blickt der Betrachter auf ein zweites Paar Mädchenbeine.

Die Zeichnung ist schwarz-weiß, so wie viele Werke Feuchtenbergers, die besonders gern mit Kohle arbeitet. Anders als bei Barber, dessen Bilder mitunter fast zuzuwachsen scheinen, so wimmelt es auf ihnen von Zitaten, Symbolen und Motiven, konzentriert sich ihr Blick dabei meist auf nur einen konkreten Inhalt. Eine Reverenz an Wilhelm Busch findet sich da zum Beispiel, Max und Moritz im Teig eingebacken, und eine Serie zu Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O“. In Farbe wiederum präsentieren sich ihre Zeichnungen zu Brigitte Reimann. „Anke Feuchtenberger arbeitet viel mit Aspekten des Frauseins“, sagt Kremeier. „Zum Teil auch mit einem sehr schwarzen Humor.“

Blexbolex, der Dritte im Bunde, ist auf seinem Gebiet ein „internationaler Superstar“, wie die Museumschefin hervorhebt. Von ihm ist unter anderem ein Künstlerbuch zum Thema Träume und Albträume zu sehen, von dem nur 24 Exemplare erschienen sind. Seiten aus einem weiteren Künstlerbuch, an dem er gerade arbeitet, zeigten deutlich, wie er zwischen „Hochkultur und Supertrash oszilliert“, schwärmt Kremeier und weist auf Bilder wie aus einem Splattercomic neben fast expressionistischen Motiven.

Dem Naserümpfen über solche Kunst, der Geringschätzung von Comics etwas entgegenzusetzen – auch das ist ein Ansatz dieser Ausstellung. „Die Trennung zwischen High and Low ist nirgends so streng wie in Deutschland“, sagt Kremeier, die selbst lange Zeit in Frankreich gelebt und gearbeitet hat. Dabei sei die Kunst der Graphic Novels oftmals gar nicht so weit von der klassischen Malerei entfernt.

Ausstellung bis 2. Juni, Di–So 11–17 Uhr, BLMK, Packhof, C.-Ph.-E.-Bach-Str. 11, Frankfurt (Oder), Tel. 0335 4015629