Wie kommt man darauf, Bilder zu literarischen Texten zu gestalten? Ganz einfach. "Wenn man gern und viel liest und wenn man gern und viele Bilder macht, dann kommt man irgendwann dazu, Bilder zu diesen Texten zu machen." Das Gespräch zwischen Rudolf Sittner und Klaus Trende führt die Besucher der Ausstellungseröffnung zu den Quellen, Motiven und Beweggründen der künstlerischen Arbeit des Grafikers und auch der Poesie. Nicht zufällig beschäftigt sich ein großer Teil seiner Bilder mit den großen Autoren Lateinamerikas, mit Pablo Neruda, Gabriel Garcia Marquez oder Miguel Angel Asturias. "Entscheidend an der Literatur ist für mich der Raum für Phantasien, der Raum zum Finden von Bildern." In den Romanen und Gedichten dieser Autoren fand Sittner letztlich seine Motive. Bilder voller Schönheit und Lebensfreude, voller Rätsel und Phantasien.
Studienaufenthalte in Chile und Mexiko vertieften die Begegnung mit dieser fremden und bereichernden Kultur. Einer Kultur, die, so der Künstler, "wenn man sich ihr öffnet, eigentlich nicht mehr fremd ist".
Der erste Anstoß zur Beschäftigung mit dieser so anderen Lebensweise liegt indes viel länger zurück. Er ist mit dem Militärputsch am 11. September 1973 in Chile verbunden. Einem Ereignis, das den Künstler bewegte und das fortan eine Rolle in seiner Arbeit spielte. Die Bilder von Rudolf Sittner sind keine strengen Illustrationen, sie sind vielmehr "Subtexte, sehr eigene Sichtweisen". Sie sind, so Klaus Trende im Dialog, "geeignet, um Berührungsängste zur Kunst abzubauen, weil sie dazu einladen, sich in ihnen zu verlieren, eigenen Gedanken Spielraum zu geben, die Wege vom Wort zum Bild zu erkunden, sinnlich und intellektuell das Eigene dazuzugeben".
Die Faszination einer Literatur, die neben der Wirklichkeit auch immer etwas Geheimisvolles, nicht Erklärbares enthält, überträgt Rudolf Sittner spielerisch auf seine Grafiken. "Piedra en la Piedra" ist ein Bild zu einem Gedicht von Pablo Neruda. Aus der Distanz ist es ein Baum, bei näherem Betrachten wird der Stamm aus verschlungenen Körpern, werden die Äste aus Kirchen, Mauern, Toren und Tieren sichtbar. Treppen führen zuweilen auf mäanderförmigen Wegen in die Baumkrone. Die leuchtenden ineinander verlaufenden Farben, verbunden mit den klaren Linien und Figuren fesseln den Blick, die Zeilen des Gedichtes verschmelzen mit der Darstellung. "Stein im Gestein, wo war er der Mensch . . ."
Die Verbindung von Wort und Schrift, ihre Verschmelzung zu einem Gesamtwerk, labyrinthartige Darstellungen, die einen zweiten und dritten Blick herausfordern, aufwendige und farbenfrohe Bilder stehen neben Grafiken aus wenigen Strichen. Der Linolschnitt "Lesende", besticht durch die Klarheit der Linien, die Reduzierung auf das Wesentliche. Wirklichkeit und Illusion, Antworten und bleibende Rätsel sorgen für die nötige Spannung beim Betrachten der Grafiken.
Die Schönheit der Bilder von Rudolf Sittner, das feinfühlige und sensible Gespräch zwischen ihm und Klaus Trende und der Gesang von Lautaro Valdes, einem in Berlin lebenden Chilenen, sorgen für einen harmonischen Ausstellungsauftakt. Und dennoch ist an diesem Abend etwas anders. Vieles, auch im Gespräch, erinnert an Roland Quos, der die Ausstellung vorbereitete, aber selbst nicht mehr eröffnen konnte, dem die Förderung von Kunst und Literatur stets ein Herzensanliegen war, den viele als angenehmen und konstruktiven Gesprächspartner schätzten, der durch seine Ausstrahlung und sein Wirken andere nachhaltig inspirierte. Das Engagement der Gestalter dieses Abends ist für alle spürbar. Es gilt in besonderer Weise dem jüngst verstorbenen Verleger und Chef des Heron-Buchhauses, seinen Ideen und seiner wunderbaren Fähigkeit zum Ausgleich.
Ausstellung bis zum 3. November