Die Stimme von Heidrun Bartholomäus, die Michael Freitags Text in Endlosschleife spricht, dringt aus dem Kubus im Foyer - Überbleibsel der Endmoräne-Schau. Drinnen im Würfel laufen die Fotografien am Betrachter vorbei. Sie zeigen in der Mehrzahl - nur einmal ist ein zur hasserfüllten Fratze verzerrtes Gesicht dabei - ganz normale junge Leute. Wären da nicht die Posen, die Tattoos, die Kleidung, die Baseballschläger, mit denen sie sich als Neonazis positionieren, ja produzieren. Die Kamera scheint sie zu animieren, sie wollen sich zeigen, offen, provokant, mit einer Ideologie, die sie nicht durchschauen. Aber das wissen sie ja nicht. Michael Freitag nennt die Arbeiten "stille Fotos von stillen Neonazis und von den Verstummten, die damit nichts anfangen können".

Entstanden sind die Bilder kurz nach der Wende in verschiedenen Teilen Deutschlands, zu einer Zeit, da alte und neue Nazis die fast vergessenen Großmachtfan tasien wieder hervorholten, die Ideologie vom Herrenmenschen. Was da vor Rauchs Kamera steht, ist eher Mittelmaß. Sie treffen sich in verlassenen Häusern, auf verfallenen Höfen, sitzen in der Runde, mit der Bierflasche in der Hand, auch in einer ein Baseballschläger, als würden sie rätseln, womit die Langeweile totzuschlagen ist.

Einer präsentiert sich wie ein König auf dem Thron, der eigenen Bedeutungslosigkeit Gewicht verleihend - lächerlich. Eine Gruppe sitzt in der Kneipe, könnte eine Skatrunde sein. Drei zeigen den Hitlergruß, drei andere nicht. Einer dreht sich demonstrativ von der Kamera weg. Sitzt er vielleicht nur bei den Kumpels, nimmt nicht wichtig, was sie denken und tun?

Auf einer der Fotografien steht eine Gruppe vor einer großen Wohnscheibe, Plattenbau. Junge Leute, irgendwie verloren, allein gelassen. Was sollte aus ihnen werden? Kurz nach der Wende gab es im Osten keine Lehrstellen, keine Arbeit und für die, die hier bleiben wollten, lange kein Licht am Ende des Tunnels.

Freilich ist das noch kein Grund Nazi zu werden, aber es ist doch ein guter Nährboden für Ideologien, die zumindest das Gefühl vermitteln, irgendwo dazuzugehören, wer zu sein. Manche zeigen sich auf den Baseballschläger gestützt, selbst überhöht. "Sie stehen da, die jungen Nazis, die von dem bürgerlichen Maß Abgerissenen, gelassen, selbstbewusst, ruhend in der Wärme ihrer Dummheit, wie Edle, wie Könige, die sich für die Nachwelt konterfeien lassen im Irrtum ihrer Gesten, genau wie diese", so Michael Freitag Text.

Das Besondere an den Fotografien des 1960 in Leipzig geborenen Ludwig Rauch ist ihre Bildsprache. Da ist nichts konstruiert, auf Effekte gesetzt - das macht die Bilder so eindrücklich. Entstanden sind sie vor 20 Jahren. Die mit den Springerstiefeln tummeln sich heute immer noch am Rand der Gesellschaft, während nationalistisches und völkisches Gedankengut längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Nicht nur in Deutschland. Die massenhaften Flüchtlingsströme der jüngsten Zeit haben diese Entwicklung noch beschleunigt. Da ist nicht nur die Angst um den eigenen Wohlstand und die vor dem Fremden, sondern auch das Gefühl, damit allein gelassen zu werden. Das alles ist nicht automatisch gleichzusetzen mit faschistischer Ideologie, aber es könnte ohne Gegensteuern der Gesellschaft der Schoß sein, aus dem das wieder kriecht.

Zusätzliche Brisanz gewinnt diese Ausstellung im Kontext mit den anderen in den oberen Ausstellungsräumen: Francisco de Goyas Zyklus "Die Schrecken des Krieges" sowie "Keiner hat uns gesagt, ihr geht in die Hölle" mit Handzeichnungen von Wilhelm Rudolf und Fotografien von Richard Peter sen., die das zerbombte Dresden zeigen, ergänzt von der 2015 entstandenen Serie "Kobane" des Fotografen Robin Hinsch. Nazismus, Nationalismus und Krieg - sie sind Brüder.

Zum Thema:
1960 in Leipzig geboren, studierte Ludwig Rauch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Fischer Fotografie. Ein Publikationsverbotin der DDR verhinderte nicht, dass er über die Grenze hinaus ein anerkannter und gefragter Fotograf wurde. 1989 übersiedelte er nach West-Berlin. Er war für den "Stern", das "Zeit-Magazin" und "Tempo" in der ganzen Welt unterwegs. Darüber hinaus befasste er sich immer wieder mit künstlerischen Aspekten der Fotografie. Er arbeitete unter anderen für die Art Basel Miami, Chipperfield Architects London und Vanity Fair.