Auch John Irving lästerte schon über die "Geschwätzigkeit" seines Kollegen und erklärte sich unfähig, Wolfes ersten und bekanntesten Roman, "Fegefeuer der Eitelkeiten", zu Ende zu lesen. Doch "Mister Zeitgeist", wie New York seinen zugezogenen Südstaaten-Dandy liebevoll nennt, pfeift ganz offensichtlich auf das Urteil des literarischen Establishments.
Erst kürzlich ließ sich Wolfe als Gast der schrägen Comic-Serie "Simpsons" Kakao auf seinen cremefarbenen Maßanzug schütten. Seelenruhig legte er dann die befleckte Weste vor der laufenden Kamera ab und enthüllte einen weiteren blütenweißen Anzug unter dem Anzug. Der in Richmond (US-Bundesstaat Virginia) geborene Journalist und Schriftsteller wird heute 75.
Wolfe war seiner Zeit schon immer voraus: In den 60er-Jahren prägte er mit seinen literarischen Gesellschaftsreportagen den Begriff des New Journalism. Aber auch auf dem Gebiet der Selbstdarstellung war der eher konservative Wolfe führend, lange bevor die Kreation eines eigenen Images unabdingbarer Bestandteil einer großen Karriere wurde. Als Sohn eines Plantagenbesitzers war er gewohnt, sich in Weiß zu kleiden. Erst in New York fiel er damit auf und beschloss, den hellen Dreiteiler, das Hemd mit gestärktem Kragen und die Seidenkrawatte zu seinem Markenzeichen zu machen.
Auch als Schriftsteller pflegt Wolfe seinen eigenen Stil. Er schreibt polemisch, metaphorisch, feuilletonistisch. Er jongliert mit Theorien großer Philosophen wie Sokrates, Descartes und Nietzsche und bedient sich sprachlich bei Popmusik, Jugendsprache und vor allem in seinen früheren Werken der Lautmalerei. Seine Stärke ist die Beobachtung und pointierte Wiedergabe menschlicher Schwächen.
Mit seinen Reportagen, der Sammlung "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" (1965), "Die Helden der Nation" (1979) und seinen Romanen - drei dicke Schwarten mit teils 900 Seiten - gilt er als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde liefert.
Sein jüngstes Werk "Ich bin Charlotte Simmons" wurde in den Feuilletons der USA überwiegend als oberflächlich abgetan, als polemische Auseinandersetzung mit einer rücksichtslosen Jugend und der Unmoral unserer Zeit. Das Buch handelt von einer jungen Studentin aus der Provinz, die bald begreift, dass Mode, Sport, Sex und Partys - und nicht der Intellekt - ein cooles Image schaffen. Dagegen lobte die "Süddeutsche Zeitung", dass der Schriftsteller trotz seiner "manischen Fabulierwut" die Dynamik des heutigen Amerika gut erfasst und seinem Konservatismus "eine fast klassenkämpferische Dimension" verliehen habe.